Gedanken zum Ausstieg
Wie einige wissen, geht diese Webseite auf ein "Werk" von mir zurück, das ich in meiner Ausstiegszeit 1998 schrieb. Auf 155 Seiten schrieb ich alles zusammen, was mir am christlichen Glauben merkwürdig vorkam.
Der folgende Text stammt aus dem Jahr 1998 und erstreckt sich über Seite 154 bis 155 - die beiden letzten Seiten.
Das allerletzte Nachwort
Heute ist mein 32. Geburtstag. Damit ist auch der Tag gekommen, an dem ich meine Entscheidung gegen Jesus offiziell machen möchte. Ich hatte mir ein halbes Jahr Zeit genommen, um sozusagen unkompliziert wieder einen Rückzieher machen zu können.Das letzte halbe Jahr war ziemlich bewegt. Es gibt einige Dinge, die ich einfach noch aufschreiben möchte. Der wichtigste Punkt: Das Leben geht weiter! Etwa vor einem halben Jahr wurde mir klar, dass mein Glaube nicht mehr trägt. Gegährt hat es schon Jahre corher. Das Schwierigste an der Entscheidung gegen eine Ideologie ist das Gefühl, ohne nicht leben zu können: "Was soll ich mit meinem Leben ohne Jesus anfangen?"
Solltest du diese Worte lesen und vielleicht selbst noch dabei sein, so möchte ich dir ganz deutlich sagen: Das Leben geht auch ohne Glauben weiter. Es ist zwar keine leichte Zeit, weil man sich langsam neue Werte beibringen muss. Außerdem besteht auf einen Schlag der komplette Bekanntenkreis nur noch aus Leuten, die dich für unnormal halten werden. Die "unfrommen" Leute, die du kennst oder dann vielleicht kennenlernst, halten dich ebenfalls für unnormal. Du wirst eine Zeit lang in einer Situation leben, die keiner richtig verstehen kann. Mir ist ein Vergleich eingefallen: Wer Gitarre spielen will, muss üben. Wer wieder "normal" leben will, muss ebenfalls üben.
Ich hatte mir einen Zeitplan gemacht. In einem Jahr wollte ich es geschafft haben. Ein halbes Jahr ist nun vorüber. In dieser Zeit habe ich viele nette Leute kennengelernt, die mir sehr geholfen haben. Wenn ich noch fromm wäre, würde ich fast von "Führung" sprechen. Gerade jetzt - während meiner ersten "unfrommen" Schritte - fällt mir auf, wie leichtfertig und vorschnell ich selbst dieses Prädikat "Führung" vergeben habe. Das ganze Leben besteht aus Zufällen. Die Hälfte davon ist negativ und die andere Hälfte glücklicherweise positiv.
Wenn du wieder normal werden willst ohne durchzudrehen, nimm dir Dinge vor, bei denen du unter Leute kommst. Ich ging wieder tanzen, ins Fitnessstudio und machte einen Inline-Skate-Kurs. Du brauchst Dinge, über die du dich "definieren" kannst. Dinge, die su sagen kannst, wenn dich jemand fragt: "Und was machst du so?" Diese Dinge helfen dir, wenigstens einen normalen Eindruck zu machen, wenn dudich auch vielleicht noch nicht normal fühlst.
Genug davon.
Mir fielen noch viele Dinge ein, die ich gern noch hierin unterbringen würde. Ich würde gern das AT nochmal ganz lesen und alle Unstimmigkeiten und Unmenschlichkeiten zusammenstellen. Aber was bringt das schon? Ändert es etwas an der Situation? Nein. Meine Entscheidung steht fest und ist auch durch Fakten untermauert. Und mir kann niemand erzählen, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen würden.
Ein letztes Wort noch zu dem Thema, das mich die letzten Jahre fast zur Verzweiflung gebracht hat: der Sexualität. Die Frommen haben - wie ich schon deutlich gemacht habe - ein äußerst gestörtes Verhältnis zur Sexualität. Zumindest (für) die Unverheirateten. Mir ist es heute unverständlich, wie ich diesen seelischen Druck überhaupt ausgehalten habe.
Gibt man seinen Glauben auf, bleiben - so meine Beobachtung - die alten Werte zum Teil bestehen: man hält sich für unnormal. Aber - das möchte ich nochmal in aller Deutlichkeit sagen - du bist nicht unnormal (und wenn es dir noch so viele Fromme mit bedrückter Mine einreden wollen).
Ich kenne Leute, die andere anrufen und um Gebet bitten, weil sie mit irgendeinem Typen geknutscht haben. Ich selbst wurde von Leuten angerufen, die total fertig waren, weil sie sich gegen den eigenen Willen ein Pornoheft gekauft haben. Was ist wirklich so schlimm daran? Und was geht das eigentlich irgendjemanden an, auch wenn es weiter ging, als hier beschrieben?
Weil ich selbst sehr unter diesen frommen Verirrungen gelitten habe, auch nachdem ich sie schon lange nicht mehr befolgen brauchte, möchte ich noch anfügen: es ist normal, wenn du dich nach Liebe, Zärtlichkeit und Sex sehnst. Daran ist nichts unnormales. Und was du auch tust, es gibt weit mehr Leute, die dasselbe wie du tun, als Leute, die auf Sex vor der Ehe verzichten (wobei man letztere nochmal unterteilen könnte, in die, die es schaffen und die, die es nicht schaffen. Die, die es wirklich schaffen, sind nur ein verschwindend-unnormal kleiner Prozentsatz. Vergiss das nicht und verurteile dich vor allen Dingen nicht. Du hast schon genug Probleme!)
Heute will ich dieses Dokument abschließen. Vielleicht werde ich noch ein paar Tippfehler ausmerzen, vielleicht nochmal das eine oder andere ergänzen, aber das intensive Arbeiten daran, will ich einstellen. Langsam vergesse ich auch vieles von meinem früheren Bibelwissen. Ich bin froh, dass ich dies alles aufgeschrieben habe und hoffe, dass es entweder mir oder irgendwem sonst einmal von Nutzen sein wird.
Wiesbaden, September 1998
