Christen und Abtreibung

Facebook macht es ja nun möglich, dass jeder seine spontansten Gedanken unmittelbar mit der ganzen Welt teilen kann. Rechtzeitig zum Jahreswechsel lässt mich eine meiner aktiven Christen-Freundinnen über Facebook an ihren Ideen zum Thema Abtreibung teilhaben: "Stell dir vor, dieses ungeborene Kind könnte zu dir sprechen. Was würde es sagen?"

So etwas fordert mich dazu heraus, ebenfalls ein paar Gedanken hier zu veröffentlichen.

Glauben Sie, Sie sind allein?

Schauen wir uns aber zunächst mal an, ob und mit welchen Suchbegriffen Leute auf diese Webseite hier finden - genauso wie wir das auch im Rest dieser Rubrik machen. Sollte hier noch nichts stehen. Diese Seite ist neu:

  • 19.05.2012 18:09: christliche glaube zu abtreibung
  • 19.05.2012 12:51: abtreibung bibelzitate
  • 17.05.2012 20:29: abtreibung bibel
  • 17.05.2012 19:18: abtreibung christ
  • 17.05.2012 18:36: christen und abtreibung
  • 16.05.2012 17:01: abtreibung christentum
  • 12.05.2012 16:39: christen zitate zur abtreibung
  • 12.05.2012 13:03: abtreibung bibel christentum
  • 10.05.2012 23:31: ist abtreibung im christentum erlaubt
  • 09.05.2012 20:33: was sagt das christentum zur abtreibung
  • 09.05.2012 18:05: ansichten des christentums verhütung abtreibung
  • 06.05.2012 12:00: das christentum zum thema abtreibung
  • 05.05.2012 16:35: bibelstellen zum thema abtreibung
  • 01.05.2012 23:41: abtreibung im christentum
  • 24.04.2012 21:27: abtreibung christen
  • 20.04.2012 08:36: darf man abtreiben bibelzitate
  • 17.04.2012 14:48: abtreibung christentum bibel
  • 11.04.2012 13:14: erfahrungsbericht abtreibung christ
  • 10.04.2012 02:04: christentum abtreibung
  • 08.04.2012 18:55: abtreiben als christ

Und wir nehmen auch auf dieser Seite wieder einmal zur Kenntnis: Wenn Sie ein Problem mit diesem Thema haben - Sie sind nicht allein!

Betroffene und unbetroffene Abtreiber

Hab ich etwas zum Thema Abtreibung zu sagen? Nein, eher nicht. Aber mich ärgert wieder mal diese Pseudo-Moral und das Nachgeplapper von Unbetroffenen. Was geht in einer Frau vor, die abtreiben will? Und was wissen diejenigen tatsächlich darüber, die ihr mit ein paar Bibelstellen gute Ratschläge geben möchten? Wie unterschiedlich können Lebenssituationen eigentlich sein?

Was sagt die Bibel zum Thema Abtreibung?

Ich habe gute und schlechte Nachrichten: Abtreibung war in damaligen Zeiten etwas derartig unvorstellbares (im technischen Sinn), dass die Bibel dazu nicht Stellung nimmt. Wann für die Bibel das Leben genau anfängt, ich weiß es nicht.

In alttestamentlichen Zeiten schnitt man nach Eroberungen schwangeren Frauen den Bauch auf. Ob sich daran auch Israel im Rahmen des "Bann vollziehens" beteiligte, kann ich aus dem Kopf jetzt nicht sagen. Aber werde das bei Gelegenheit nachschlagen. Aber warum tat man sowas? War das Demütigung oder wollte man zeigen, dass man auch das Kind getötet hatte.

Dieses Bauch aufschlitzen könnte man jedenfalls dahingehend interpretieren, dass sich die damaligen Menschen bewusst waren, dass da ein kleiner Mensch heranwuchs und man mit einer solchen Handlung zeigen wollte, dass man auch den besiegt hatte. Wie heroisch. Diese alttestamentlichen Menschen waren sehr krank im Kopf, wenn ich ehrlich bin.

Philisophische Herangehensweise an das Thema Abtreibung

Unabhängig davon, ob nun ein Gott den Menschen erschaffen hat, oder ob die Natur ihn von sich aus zusammengebaut hat. Die Menschen in früheren Zeiten - darunter übrigens auch noch meine Eltern - hatten nicht den Luxus, auf so zahlreiche Verhütungsmethoden zurückzugreifen, wie wir heute.

Suchen wir also nach dem großen Konzept, das uns die Natur oder unser Gott beschert hat, so würde ich es folgenermaßen definieren: Wir wurden so konstruiert, dass Sex für uns etwas schönes ist. Dabei hat man vor allem uns Männer so eingenordet, dass wir damit nicht aufhören möchten, bevor die Sache in unserem Sinn "beendet" ist. Und mit diesem Konzept wird quasi unserem Nicht-Aussterben automatisch entgegengewirkt.

Es sieht also so aus, als ob Sex absichtlich als etwas so erstrebenswertes konstruiert wurde, dass man dafür auch das Aufziehen von Kindern in Kauf nimmt, selbst wenn man evtl. keine wollte. Wobei ich den letzten Nebensatz etwas relativieren möchte. Früher galten Kinder als etwas positives und das ging ja sogar soweit, dass man Frauen wegschickte, wenn sie keine bekommen konnten.

Meine Ansicht zum Thema Bibel, Christentum und Abtreibung

Wie bei allen anderen Themen in diesem Sex-Abschnitt, habe ich mich auch bei der Abtreibung immer sehr mit Verurteilungen zurückgehalten. Ich kannte genau eine einzige Frau in meinem Leben, die abgetrieben hat. Diese Frau war damals Christ, als ich sie kannte. Als sie abtrieb war sie noch kein Christ.

Mit psychischen Schäden oder Schuldgefühlen hatte diese Frau meines Wissens nach nicht zu kämpfen. Da ich sie an der Bibelschule traf, wo man sich jeden Tag sieht, und wir eigentlich auch ganz gut befreundet waren, denke ich, ich kann das mal so sagen.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich unendlich über besserwisserische Christen (oder Mitmenschen) aufregen, die in einer solchen Situation glauben, Ratschläge erteilen zu müssen. Abtreibung hat in meinen Augen auch etwas mit Hilflosigkeit und Perspektivlosigkeit zu tun.

Mein Tipp an Frauen, die über Abtreibung nachdenken

Ich bin ein Mann und völlig inkompetent. Es gibt aber zwei Dinge, auf die ich aufmerksam machen möchte, weil es in meinen Augen auch heute noch Argumente sind, über die man nachdenken sollte.

Eine Abtreibung lässt sich nicht rückgängig machen. Ich las in verschiedenen Seelsorgebüchern von Frauen, die ihr Leben lang Schuldgefühle hatten und traurig waren, weil es ihnen einige Jahre später besser ging. Dann sahen sie Kinder, die das Alter hatten, das auch ihr abgetriebenes Kind gehabt hätte und waren traurig. Dies ist ein Argument, das ich nachvollziehen kann. Ich kann mir auch vorstellen, dass einen dies sein ganzes Leben verfolgen wird. Denn egal, ob das abgetriebene Kind heute 5 Jahre, 10, 15, 20, 30, 40 oder 50 Jahre alt wäre, es gäbe immer Menschen, die einen altersmäßig daran erinnern.

Ein zweites Argument sind Menschen, die keine Kinder bekommen können. Ich kenne davon zwei Paare. Bei dem einen Paar hat es dann doch noch "geklappt". Das andere gab trotz ärztlicher Hilfe irgendwann auf. Es gibt viele Paare, die über ihre Kinderlosigkeit sehr traurig sind - bis hin zur Depressivität. Darum finde ich, sollte man über die Freigabe zur Adoption wenigstens nachgedacht haben.

Sonst will ich mich hier als Mann zurückhalten und einfach empfehlen, für eine so wichtige Entscheidung professionelle Beratung (das bedeutet nicht unbedingt Beratung nach bibeltreuen Maßstäben) in Anspruch zu nehmen. Aber die ist meines Wissens nach eh vorgeschrieben.

Abgetriebene und verhungerte Kinder

Und all die vielen Christen, die bei Facebook und sonst wo ungeborene Kinder zu Wort kommen lassen wollen, möchte ich einmal eins fragen dürfen:

Diese Woche kam es in den Nachrichten: Alle funf Sekunden verhungert ein Kind auf unserer Welt. Rechnen Sie doch einmal durch, wieviele Kinder das waren, seit Sie oben mit dem Lesen angefangen haben.

Und?

Was tun Sie?

Spenden Sie einmal im Jahr 10 Euro für Brot für die Welt? Finde ich ganz prima.

  • Warum verkaufen Sie nicht Ihr Auto und fahren Fahhrad oder Bus. Wieviele Kinder ließen sich damit retten?
  • Warum verkaufen Sie nicht Ihren Fernseher. Die Glotze tut Ihnen eh nicht gut und verbraucht sowieso Strom.
  • Wieviel Mal pro Woche essen Sie nochmal Fleisch? Das ist doch eh ungesund. Werden Sie von Knäckebrot nicht auch satt? Denken Sie an die hungernden Kinder.
  • Und Ihr Schnupfenspray im Winter. Eine verstopfte Nase ist doch nicht lebensgefährlich. Warum spenden sie das Geld nicht lieber?
  • Was ist mit Ihren Schuhen, meine Damen. Reicht die Hälfte nicht aus. Also - nichts wie zu Ebay damit.
  • Und eine Spülmaschine haben Sie? Warum spülen Sie nicht selbst und retten hungernde Kinder?
  • 10 % Ihres Einkommens spenden Sie für Ihre Gemeinde. Prima. Meinen Sie nicht, wenn Sie etwas sparsamer leben, weniger ins Kino gehen oder was Sie sonst gern tun mögen, ließen sich da nicht nochmal locker 25 % Ihres Einkommens für hungernde Kinder abzweigen?
  • Warum eigentlich nur 25 %. Warum spenden Sie nicht alles, was Sie können für hungernde Kinder? Schließlich geht es um hungernde Kinder. Daran ändert es nichts, dass sie soweit weg sind, dass man das hier nicht mitbekommt.

Ehrlich gesagt: ich hasse Pseudo-Moral. Hat eine Frau, die über Abtreibung nachdenkt, nicht schon genug Probleme. Muss man ihr auch noch ein schlechtes Gewissen machen?

Und noch ein letztes Wort an alle oberklugen Christinnen...

... vor allem an die, die mal verhütet haben oder verhüten:

Bei Ihnen mag kein "lebendes" Kind entstanden sein, aber dank der Prädestinationslehre hätte Gott doch gewusst, wer es geworden wäre, wenn es hätte werden dürfen.

Wenn also so wie ganz oben beschrieben gegenüber abtreibenden Frauen argumentiert wird, dann sollten sich bitte alle verhütenden Frauen mit angesprochen fühlen. Und die Männer, die mit diesen Frauen schlafen ebenfalls. Das Bekommen und Aufziehen von Kindern ist eine Lebensaufgabe, die auch den ganzen Lebenseinsatz erfordert. Ich finde, dass man Frauen, die über Abtreibung nachdenken (müssen) Hilfe anbieten muss. Über nachgeplappertes, dummes Fromm-Geblubber im Sinn von "was hätte das Kind gesagt" ärgere ich mich unendlich.



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evangelia
0 23.01.2012 23:50


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