Aber sie sind doch so nett ...

Wer "nett" ist, hat oftmals recht. Wir lassen uns von netten Leuten viel lieber etwas sagen, als von bösen Leuten. Außerdem sind wir gern mit netten Leuten zusammen. Nette Leute sind einfach eine gute Erfindung.

Dies führt dazu, dass man von einer Gruppe mit netten Leuten emotional sehr gebunden wird. Und genau diese emotionale Bindung führt dazu, dass man eigentlich bereit ist, alles zu glauben, nur um dazuzugehören.

Das klang jetzt sehr theoretisch. Also etwas praktischer. Warum kommen die meisten Neu-Christen zum Glauben? Nein, nicht wegen Jesus. Auch nicht wegen der Bibel, sondern wegen anderer Menschen. Das belegen zumindest christliche Studien.

Auch ich selbst will mal so ehrlich sein, dass ich 1989 ein über persönliche Kontakte mit dem Glauben in Verbindung kam.

Ein paar weitere Jahre später fiel mir auf, dass einige Dinge so klar, wie wir sie immer geglaubt hatte, nicht gewesen sein können. In meinen Tagebüchern entwickelten sich die Inhalte dieser Webseite.

Doch zurück zum Satz: "Aber sie sind doch so nett...".

Dieser Satz ist nicht von mir. Er stammt aus einem Buch über Zeugen Jehovas.

Meine Zeugen Jehovas waren furchtbar nett. Und genau davor warnte dieses Buch. "Nur weil sie nett sind, haben sie nicht Recht". Dies werden viele Christen unterschreiben. Solange man keine Zeugen Jehovas kennt, sind sie grimmige, fehlgeleitete, feindseelige, engstirnige, langweilige, unattraktive, verborte, bedauernswerte Wachtturm-Träger. Das ändert sich oft, wenn man sie näher kennenlernt.

Und ganz offensichtlich hatte der Autor meines Buches mit Menschen Erfahrungen gemacht, die sich mit den Zeugen unterhalten haben. Darum stellt er klar: Nett ist nicht gleichzusetzen mit Recht haben. Dies sollte man auch im Hinterkopf haben, wenn man seinen eigenen Glauben hinterfragt.

Meine Zeugen Jehovas waren zwei unterschiedliche Gruppe. Eine kam 1995, eine andere 1996 zu mir. Beide bezeichneten mich als Christen. Das ist sehr interessant. Wohl gemerkt: Für einen Zeugen Jehova ist nur ein Zeuge Jehova ein Christ. Also nicht nur ich fand sie nett, sie fanden auch mich nett. So nett, dass sie sogar von ihrer recht klaren Theologie des Wachtturms abgingen und mich als Christ bezeichneten. Ich war damals völlig verwirrt darüber und las noch mehr Bücher über sie ;-)

Abschließen möchte ich diesen Punkt mal mit einem Satz von Raymond Franz; einem Zeugen Jehova. Er war aus vollem Herzen Zeuge Jehova, ist dann durch verschiedene Begebenheiten bis zur Leitenden Körperschaft der Zeugen aufgestiegen (so eine Art Papst-Gremium der Zeugen). Nach einigen Jahren fielen ihm einige Unstimmigkeiten der Zeugen-Theologie mit der Bibel auf und er wurde daraufhin irgendwann "rausgeschmissen".

In seinem Buch "Der Gewissenskonflikt" kann man seine Geschichte nachlesen (sehr lesenswert). Später stellte er fest, dass er vieles viel zu unkritisch übernommen hatte und gibt zu: "Ich war ein Opfer unter Opfern. Ein Mitläufer unter Mitläufern".




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