Charismaten und der Toronto-Segen

Jakobus, der Toronto-Segen und die Kunst, das Leben zu meistern

"Wem unter euch an Weisheit mangelt... bla..." sagt Jakobus in Kapitel 1. Mir hat an Weisheit gemangelt. Und wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der doch eigentlich nur Gott dienen wollte, dann war ich das.

Was bisher geschah...

Ich zog 1995 von der Bibelschule zurück nach Wiesbaden. Dort tourte ich durch die Gemeinden auf der Suche nach meiner neuen geistlichen Heimat. Verrückterweise bliebt ich ausgerechnet in einer Gemeinde hängen, die ich von der Theologie her zunächst völlig ablehnte - dem Christlichen Zentrum Wiesbaden (CZW).

Als evangelikaler Christ unter Charismaten stand ich damals unter Druck. Ich befand mich unter entschiedenen Christen, denen ich - trotz Toronto-Segen - ihren Glauben nicht absprechen konnte. Aber das ganze charismatische Zeug erlebte ich überhaupt nicht. Stattdessen erlebte ich, dass das CZW wuchs. Und zwar gigantisch schnell. Ganz im Gegensatz zu den anderen Gemeinden in Wiesbaden, die sich lieber mit sich selbst beschäftigten und sich in der "richtigen" Theologie sonnten, die sie alle anders definierten.

Was war meinem Gott also lieber? Eine Gemeinde, in der Menschen zum Glauben kommen, ihr Leben ändern, aber in Zungen reden und umfallen, wenn man für sie betet? Oder Gemeinden wie die Freie Evangelische Gemeinde in Wiesbaden, die sich darüber stritt, ob eine Frau nun auch predigen darf oder nicht. Oder noch krasser die Wiesbadener Baptisten, die ihre Besucher bereits am Schaukasten in theologische Diskussionen verwickelten, bevor sie überhaupt irgendjemand von der Gemeinde gesehen haben.

Was würde ich meinem Gott also mal sagen, wenn er mich fragt, was ich aus seinen Talenten gemacht habe?

  1. Ich hab immer brav Bibel gelesen und alles theologisch genau analysiert und darauf geachtet, dass ich immer in der reinst möglichen Lehre lebe.
  2. Ich hab nicht immer kapiert, was du in deiner Bibel beschrieben hast und auf welche Weise du so wirkst, aber ich hab jede Menge Menschen zu dir gebracht und sie so gut begleitet, wie mir das möglich war und Ihnen das beigebracht, was dir wichtig ist.

Im Philipper-Brief lässt sich Paulus darüber aus, dass manche Jesus nur aus Eigennützigkeit verkünden. "Aber egal" - sagt er - "Hauptsache der Name Jesu wird verkündigt". Damit waren die Prioritäten doch eigentlich geklärt. Paulus hätte die missionarischere Gemeinde sicher den Nabelschau-Gemeinden vorgezogen - unabhängig von ein paar theologischen Unschärfen.

Also entschied ich mich für Variante 2 und öffnete mich so gut ich konnte für alle Lehren, die mir bisher falsch erschienen. Frieden bekam ich darüber nicht. Aber andere hatten ihn. Und diese Menschen kannte ich. Wir waren Freunde. Ein Mitarbeiter des CZW war sogar von seiner Homosexualität losgekommen, hatte geheiratet und inzwischen Kinder. Diese Menschen im CZW waren etwas crazy - aber ehrlich. Zumindest damals noch.

1993 hatte ich in der Sommerbibelschule Klostermühle eine schöne Zeit erlebt. Es war quasi meine Bibelschul-Testzeit, bevor es an einer anderen Schule richtig losgehen sollte. 1997 war mein Glaube bereits relativ angeschlagen und ich entschloss mich dazu, meinen Sommerurlaub noch einmal dort zu verbringen um aufzutanken.

Ein Gastlehrer streifte in einem Vortrag den Toronto-Segen. Mit einer zusammenhangslosen Jesaja-Stelle wurde dann klar belegt, dass der vom Satan kommen muss. Und genau hier platzte mir der Kragen. Diese Menschen, die im CZW umfallen, weinen oder lachem im Geist, waren zweifelsfrei entschiedene Christen. Einige dieser Menschen waren für mich Vorbilder. Und viele evangelikale Christen hätten sich von ihnen eine Scheibe abschneiden können - vor allem im Bezug auf deren missionarische Ausrichtung.

Der Toronto-Segen blieb mir immer unangenehm. Aber vom Satan. Wer solche Meinungen vertritt, hat sich niemals mit den Menschen beschäftigt. Da wurden einfach ein paar Bibelstellen zusammeninterpretiert um etwas zu belegen, was man belegen wollte. Und ich stand mittendrin.

"Diese Charismaten waren mir schon immer etwas suspekt." Sagte eine befreundete Schülerin, die mich mochte als sie merkte, dass ich während dem Vortrag richtig sauer wurde. Klar - sie kannte keine Charismaten. Wie einfach war doch ihre Welt.

Bei den CZW-lern - erinnerte ich mich an den Satz: "Er kommt von den Evangelikalen und hat etwas Probleme mit dem Wirken des Heiligen Geistes" . Das war die andere Seite.

Nun war ich also zwischen den Fronten. Mit meinen CZW-lern diskutierte ich sehr kritisch den Toronto-Segen. Hier nun - auf einer Bibelschule, die meinem Glaubensverständnis etwas näher stand - verteidigte ich sie. Nicht den Toronto-Segen. Aber die Christen, die ihn auslebten.

Und genau an dieser Stelle frage ich: wo ist er, dieser Gott? Wo ist er dort, wo Christen ihn suchen und brauchen? Wo Christen sich schon gegenseitig vorwerfen, vom Satan verführt worden zu sein?

Je nachdem, ob Sie nun einen charismatischen oder eher uncharismatischen Hintergrund haben, werden Sie bereits während des Lesens Stellung bezogen haben. Und ganz klar wird es für Sie so sein, dass meine Probleme ja nur daher kommen, dass ich mich mit der "anderen" Theologie beschäftigt habe.

Die Bibel redet aber nun mal von Geistesgaben, Zungenrede, Prophetie und Krankenheilung. Und zwar relativ unmissverständlich. Wenn dies in ihrer "biblisch korrekten" Gemeinde nicht vorkommt, müssen Sie sich die Frage gefallen lassen, wie biblisch sie denn wirklich ist.

Und kommen Sie mir nicht mit dieser 1.Kor.13,10-Vollkommenes-Stückwerk-Bibel-Geistesgaben-Thelogie , die man kurz zusammenfassen kann mit: "Wenn das Vollkommene (=Bibel) kommt, wird das Stückwerk (=Geistesgaben) vergehen..."
Das sind doch derartig abstruse theologische Konstrukte, dass selbst die meisten Evangelikalen ihnen nicht folgen möchten.

Aber auch die Charismaten müssen sich fragen lassen, was denn genau noch die Basis ihres Glaubens ist. Wenn charismatische Christen wöchentlich für sich besten lassen, weil sie sich chronisch von Dämonen besessen fühlen, frage ich mich schon, ob ich evtl. im falschen Film bin. Auch die Tendenz einiger (nicht aller), das Ausleben der Geistesgaben als einzige Gottesoffenbarung zu sehen und sich sonst moralisch danach auszurichten, ob man sich gut fühlt oder nicht.

Für alle Evangelikalen, die schon den Zeigefinger gehoben haben: stecken Sie ihn gleich wieder weg und fragen Sie sich, wieviel "lauwarme" Christen, denn in ihrer Gemeinde vor sich hindümpeln, ohne wirklich weiterzukommen. Diese halbgaren Christen hat nämlich nahezu jede Gemeinde. Nur zeigen sie halt je nach Gemeindeform unterschiedliches Verhalten.

Was bleibt? Mein Fazit...

Was ist nun mit Charismaten und Nicht-Charismaten? Wir haben hier im Prinzip zwei völlig getrennte christliche Szenen, die ähnlich wie die beiden Königskinder nicht zusammenfinden können. Warum können sie das nicht?

Wo ist deren Gott? Ich verbürge mich bestimmt nicht für alle, aber doch für viele dieser Menschen, die ich in den unterschiedlichen Konfessionen kennengelernt habe. Diese Menschen meinen es ehrlich. Sie suchen ihren Gott und sie sind überzeugt, dass ihr Gott ihrem Glauben gemäß handelt - charismatisch oder uncharismatisch.

Die Sache mit diesen Geistesgaben ist ein ganz großes Problem für diejenigen, die sie nicht erleben. Wenn es dieser Gott in eineinhalb Jahren CZW nicht geschafft hat, mir ein gutes Gefühl darüber zu geben - lag das an mir? Auf der anderen Seite gab mir dieser Gott viele Menschen an die Seite, die dieses Gefühl hatten und mir deutlich zeigten, dass entschiedenes Christsein und Geistesgaben sich nicht ausschließen.

1997 übernahm ich die Leitung für ein Kreativteam, das sich um unsere Alpha-Gottesdienste kümmerte und Sketche und Dekos vorbereitete. Auf einem Leitertreffen im Januar 1998, als alle um mich herum umfielen, weinen und lachten, während sie für mich beteten, musste ich irgendwann raus.

Ich betete, ich weinte und dann traf ich für mich die Entscheidung, dass dieser Glaube für mich nicht mehr lebbar ist. Wie man an dieser Webseite sehen kann, hatten sich bis dahin viele Dinge aufgestaut, die ich nur noch mit Mühe mit meinem Gewissen in Einklang bringen konnte aber in dieser Masse nicht wahrnahm.

Das Vertrauen in die Irrtumslosigkeit der Bibel verlor ich durch das Problem mit den beiden Geschlechtsregistern, die skurilen Matthäus-Prophezeihungen und das Zwölf-Stämme-Problem. Das Vertrauen in ein Wirken oder Reden Gottes verlor ich durch meine Probleme mit den Charismaten, die Erinnerungen an die große Verwirrung mit dieser sexuell Missbrauchten und meine Suche nach Anworten auf Fragen wie Taufe oder Frau in der Gemeinde. In welchem Raum dazwischen sollte sich nun noch ein Gott aufhalten können?

Für mich ging an diesem Tag eine Welt unter, aber ich wusste, dass es nun vorbei war. Als ich nach Hause kam, öffnete ich eine Datei auf meinem Rechner und schrieb mir alles vom Herzen, was mir an diesem Glauben komisch vorkam. Ich war überrascht, wieviel es wurde und wieviel offensichtliches ich niemals habe wahrhaben wollen. Aus dieser Datei entstand 10 Jahre später diese Webseite.

So war es letzenendes diese Charismaten-Sache, die mir mein christliches Genick brach. Für alle notorischen Falschversteher sei aber an dieser Stelle gesagt, dass 1998 ohnehin etwas passiert wäre. Die Charismaten waren nur ein Auslöser. Was mir in dieser Religion fehlte, war deren Gott. Und das ist bis heute so...

Warum befindet sich dieser Text im Abschnitt über den Willen Gottes?

Weil er in meinen Augen genau hierhin gehört. Mir wird manchmal fast übel davon, wenn ich zurückdenke, mit welcher Überzeugtheit Christen vom Willen Gottes gesprochen haben. Ich kann mich an eine Examens(!)-Predigt erinnern, in der ein Schüler sagte: "Man kann Gottes Willen erkennen. Punkt!"

Sowas ist natürlich ebenso hilfreich wie beeindruckend. Ich bin fest der Ansicht, dass man das eben nicht kann. Wenn Leute mir irgendwelchen Pillefitz aus ihrem Leben erzählen wollen, halte ich Ihnen das hier dagegen. Jesus hat immer wieder diese "wenn doch bla, dann doch umso mehr blub"-Worte verwendet. Das will ich nun auch mal tun.

Wenn Gott nicht mal seinen Christen hilft, die Wahrheit über bestimmte theologische Zusammenhänge zu verstehen, wegen denen die Christenheit gespalten ist. Wieviel weniger solltest du davon ausgehen, dass er dir irgendeine Hilfestellung bei einem deiner banalen Lebensprobleme gibt.

Bei diesem Gott herrscht absolute Funkstille. Davon bin ich überzeugt. Und die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist die, dass er nicht existieren kann. Denn verheißen hat er sein Reden ja z. B. in Jakobus 1. Oder hat er gelogen?

 

Update 13. Februar 2010 - kein Toronto-Segen mehr

Heute traf ich beim Spazierengehen jemanden aus dem CZW. Um den Toronto-Segen kümmert man sich heute wohl gar nicht mehr. War wohl nur so ne Mode. Vielleicht hatte der Heilige Geist zu viel Himbeergeist ...

... ach egal. 




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