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Über wiedergeborene Christen und ritualisierten Glauben

Mein Schlusswort

Dieses Jesus-Offline-Projekt ist zwar eigentlich eine lang vergangene Sache, liegt mir aber trotzdem sehr am Herzen. Darum schaue ich gelegentlich, wer auf mich verlinkt oder über meine Seiten diskutiert.

Eigentlich könnte es mir egal sein. Aber es schmerzt mich etwas, wenn verschiedene Leute mich als jemanden darstellen möchten, der sich immer schon etwas vorgemacht hat und eigentlich nie richtig gläubig war. Darum möchte ich dieses Kapitel gern noch an den Schluss stellen.

Was bedeutetet wiedergeboren?

Wenn man sich zu Jesus bekehrt, kehrt man um. Man ändert sein Leben, gibt ihm einen neuen Inhalt und folgt Jesus nach. Die Bibel drückt es besonders drastisch aus: man stirbt und wird quasi wiedergeboren. Die Taufe durch Untertauchen im Wasser (die ursprüngliche Forum) symbolisiert das Sterben und wieder Auferstehen.

Alle Schuld, alles was man falsch gemacht hat, ist vergangen und vergeben. Jesus ist für diese Dinge bereits bestraft worden. Und wenn immer man später etwas falsch machen sollte – die Bibel nennt es Sünde – kann man sicher sein: Auch das wird einem vergeben werden.

War ich wiedergeboren?

Diese Frage zu beantworten ìst nun natürlich außerordentlich schwierig. Ich glaube heute nicht mehr an Jesus und bin der Ansicht, dass es ihn – so wie ihn die Bibel bezeugt – nie gab. Folglich dürfte es ihn auch damals nicht gegeben haben, als ich noch gläubig war.

Genau hier kommen wir an einen Punkt, an dem die heutigen wiedergeborenen Christen mir selbstverständlich nicht mehr folgen können. Wie sollten sie auch. Denn ganz egal, was ich einmal geglaubt habe: heute vertrete ich eine Ansicht, die sie komplett verwerfen müssen. Dies geht am einfachsten, indem man auch meinen damaligen Glauben in Frage stellt.

Ich war wiedergeboren!

Von mir aus dürfen Sie gern denken, was Sie möchten. Und Beweise die Sie überzeugen werden, kann ich sowieso keine vorbringen. Ich kann ein wenig von mir erzählen, aber Sie sagen dann, ich hätte meinen Glauben "ritualisiert". Hätte "aus mir heraus gelebt". Blödsinn!

Wenn ich mir wirklich etwas vorgemacht hätte, meinen Sie, andere hätten das nicht bemerkt? Im zweiten Jahr an meiner Bibelschule wählte man mich zum Klassensprecher. Gläubige Schüler an einer bibeltreuen theologischen Fachschule wählen doch niemanden zum Klassensprecher, von dem sie glauben, dass er seinen Glauben nicht ernstnimmt. Selbst heute wollen einige gar nicht verstehen, dass ich nicht mehr gläubig bin.

Von 1993 bis 1998 schrieb ich 14 Tagebücher mit frommen Gedanken, Gebeten und Überlegungen voll. Außerdem komponierte ich über 50 fromme Lieder, die heute noch bei mir im Schrank stehen. Ich stand fast jeden Tag früher auf, um meine Stille Zeit zu halten und war ein paarmal pro Woche draußen in der Natur unterwegs um zu beten und bei meinem Gott zu sein. Sowas tut doch niemand, der nicht entschieden gläubig ist.

Selbst zwei Gruppen von Zeugen Jehovas bezeichneten mich 1995 und 1996 als Christen — und das ganz bestimmt nicht, weil ich mit ihnen theologisch auf Schmusekurs ging. Das hätten sie ihrer Theologie nach niemals tun dürfen.

Spricht das für jemanden, der sich etwas vormacht?

Ich kann Ihnen nur schreiben: mein Glaube war mein Leben. Als für mich 1998 dieses Glaubensgebilde zusammenbrach, starb auch ein Teil von mir und hinterließ ein Loch, dass ich niemals wieder ausfüllen kann.

Aber warum brach mein Glaubensgebilde zusammen?

Ich war immer schon ein ehrlicher und gewissenhafter Mensch. So etwas wie "Sprachregelungen" oder die Verteidigung von Dingen, die man selbst nicht für wahr hält, war mir schon immer zuwider.

Im Lauf meines Glaubenslebens beschäftigte ich mich mit vielen christlichen Lehren. Dies tat ich mit guter Absicht und eigentlich auch nur mit guten Motiven. Schließlich will man ja nur wissen, was eigentlich wahr ist.

Am Anfang lässt man sich von seinen Glaubensvorbildern beeindrucken und glaubt schnell an einfache Lösungen. Wer vermutet schließlich, dass hinter einer scheinbar so ehrlichen Religion wie dem Christentum ein Lügengebilde stecken soll. Sowas kann ja gar nicht sein.

Aber was geschieht, wenn man plötzlich selbst Wissen erhält. Ich war an einer bibeltreuen Ausbildungsstätte. Wir verwarfen die Historisch Kritische Methode der Bibelauslegung, verwendeten nur bibeltreue Literatur und hatten auch nur wiedergeborene Christen als Lehrer.

Trotzdem kam ich immer öfter an Punkte, an denen meine "einfachen" Erklärungen vom Beginn meines Glaubenslebens mir nicht mehr ausreichten. Besonders drastisch empfand ich das bei den Messias-Prophezeihungen (Matthäus). Ich erinnere mich auch, wie ich mich damals mit der Frage nach den beiden Geschlechtsregistern an unseren Seminarleiter wandte. "Das ist kein Problem", sagte er und kopierte mir ein paar Seiten mit Erklärungen + Theorien.

Ich las diese Kopien rauf + runter. Für mich waren sie ein Problem. Denn sie taten nichts anderes, als dem Problem auszuweichen. Und schließlich rieb ich mich zwischen den unterschiedlichen Konfessionen auf.

Haben dich Menschen frustriert?

Diese Frage liegt Ihnen nun auf der Zunge. Schlucken Sie sie wieder runter. Nein, Menschen haben mich nicht frustriert. Je länger ich dem christenlichen Glauben angehörte, desto mehr fehlte mir eher dessen Gott.

Sie fragen sich, warum ich nicht einfach zurückgehe? Darüber hatte ich nachgedacht. Aber was soll das sein, einen Glauben zu simulieren. Mich trennt vom christlichen Glauben das Wissen darum, dass der Begriff "bibeltreu" nicht trägt. Zuviel Geschiebe und zuviele Ausflüchte sind nötig, um diesen Begriff zu stützen.

Ich kann an diesen Jesus nicht mehr glauben und bin hundertprozentig davon überzeugt, dass es ihn in der von der Bibel bezeugten Form nicht gegeben hat. Die Gründe dafür finden Sie auf dieser Webseite

Aber ich wünsche mich oft zurück zu diesem kindlichen Glauben, nehme gelegentlich meine Gitarre wieder zur Hand und spiele ein paar Akkorde von christlichen Songs, die mir einmal etwas bedeuteten. Manchmal lese ich ein Kapitel in der Bibel und auf Spaziergängen in der Natur erwische ich mich manchmal, dass ich spontan ein paar Worte bete — so wie ich es früher gern getan habe. Es war sehr schön, sich früher in der Natur in Gottes Hand geboren zu fühlen.

Doch diese Zeit ist vorbei. Sie kommt offenbar auch nicht wieder. Wenn ich heute zu diesem Gott zurückgehen wollte, wäre es so, als wollte ich mich zum Weihnachtsmann bekehren. Der Weihnachtsmann ist eine schöne Sache. Für Kinder besonders. Aber irgendwann muss man verstehen, dass es ihn nicht gibt.

Wenn Sie dies hier lesen und noch "fromm" sind: ich beneide Sie. Sie wissen genau, was ich verloren habe, denn Ihnen bedeutet dieser Glaube genausoviel wie mir damals. Ich bleibe aber dabei, dass es sich bei diesem Glauben um ein Placebo handelt.

Wenn Sie der Ansicht sind, dass es diese Seite gibt, um den christlichen Glauben schecht zu machen: Sie irren sich. Während dieser Zeit verlebte ich die schönsten Zeiten meines Lebens. Aber den Absturz danach wünsche ich keinem. Mir konnte in dieser Abnabelungszeit niemand helfen. Vergleiche für die Art von Verletzung zu finden, wie ich sie ertragen habe, gibt es kaum. Vielleicht sowas wie eine zerbrochene Ehe.

Nur eins: es wäre viel einfacher für mich gewesen, in der Gemeinde zu bleiben und mein Ding durchzuziehen. Stattdessen nabelte ich mich ab und musste mein komplettes Leben neu ordnen. Ich habe Jahre dafür benötigt.

Mit dieser Seite möchte ich mich einfach mitteilen. Inzwischen bekam ich auch Feedback von anderen mit ähnlichen Geschichten. Das Schlimmste an dieser Ausstiegssituation ist, dass man niemanden zum Reden hat. Dass man sich für unnormal hält, dass einen niemand versteht und man in dieser eh schon schwierigen Zeit unnötige Komplexe aufbaut.

Diese Seite www.jesus-offline.de geht auf ein Skript von 150 (!) Seiten zurück. 150 mit dem Computer geschriebene Seiten darüber, warum ich diesen Glauben aufgeben muss. Ich habe monatelang daran gearbeitet. Warum? Weil mein Ausstieg nicht auf eine Laune zurückgeht, weil ich tiefgläubig war und weil man einen solchen Schritt nicht einfach so gehen kann. Zumindest konnte ich ihn nicht einfach so gehen.

Diese Seiten enthalten in meinen Augen sehr viele Peinlichkeiten. Wenn ich sie heute trotzdem ins Netz stelle, geht es mir weniger darum, irgendwelche heutigen Christen zu beleidigen oder zu "ärgern". Nein, ich denke an mich im Jahr 1998 zurück, als ich niemanden hatte, der mich verstand oder mir einen Tipp geben konnte.

Ich musste dies hier alles mit mir selbst ausmachen. Wenn Sie heute an einem ähnlichen Punkt angekommen sind, wissen Sie wenigstens: es gibt Menschen, denen es genauso geht. Möglicherweise möchten Sie sich mitteilen. Diese Option biete ich Ihnen an. Evtl. wird aus dieser Webseite auch irgendwann eine Community hervorgehen. Wir werden sehen.

Fazit

Sie können mir vieles vorwerfen. Ich habe bestimmt Fehler gemacht, ebenso wie Sie auch Fehler machen. Aber mein Glaube war für mich das wichtigste in meinem Leben. Wenn es für Sie nötig ist, mir irgendeinen ritualisierten Glauben anzudichten, tun sie das von mir aus. Den Tatsachen entspricht es allerdings nicht...

 


Update 21.02.2010.

E-Mail von Werner R. "du elender Mensch"

Kaum war dieses Schlusswort im Netz, schon kam eine unfreundliche E-Mail mit dem Betreff "du elender Mensch". Gut – unfreundlich – kann ich mit umgehen. Meine Texte sind auch nicht alle diplomatisch und wenns um den Glauben geht, schwappen schnell mal die Emotionen über. Veröffentlichen darf ich seine E-Mail nicht, also kriegt er auch keine Antwort per Mail — so sind die Spielregeln. Aber ein paar seiner Ansätze möchte ich hier gern noch diskutiert haben.

1. Ich wäre ich ein elender Mensch, weil ich mit meinen Veröffentlichungen verrate, dass ich mich immer noch mit der Frage "Gott und Mensch" beschäftigen würde.

Selbstverständlich tue ich das. Bestreite ich auch gar nicht. Ich wiederhole es auch gern noch einmal. Ich bin aus dem christlichen Glauben nicht ausgestiegen, weil ich keinen Bock mehr hatte, sondern weil es diesen Glauben, nach meinen Ansichten nicht geben kann. Wenn Sie mir wirklich glaubhafte Erklärungen für die Dinge geben können, die ich in meinem Abschnitt über die Unfehlbarkeit der Bibel ausgeführt habe, bin ich am Sonntag wieder in der Gemeinde. Glauben Sie es oder nicht.

2. Ich sei kein wiedergeborener Christ gewesen, weil ich einer Lüge geglaubt hätte (aha!).

Dann bringt er einige Bibelstellen wie Mt 12,33 (ihr sollt sie an ihrer Frucht erkennen), das Gleichnis vom Sämann und vom Unkraut aus Mt 13 und schließlich 1. Joh. 2,19 (Kinder Gottes).

Wirklich toll zusammengestellt, lieber Werner R. Bei der Größe meiner Webseite mag inzwischen etwas verlorengehen, wo denn die Anfänge meiner Probleme mit dem christlichen Glauben lagen. Darum will ich darauf nochmal kurz hinweisen.

Der erste Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, mich selbst betrügen zu müssen, waren die beiden Geschlechtsregister. Warum weichen die beiden Geschlechtsregister voneinander ab?

Ich schreibe das nicht einfach so. Das ist ein wirkliches Problem von mir. Außerdem: Warum kennt Gott seine eigenen zwölf Stämme nicht? Wenn ich die Bibel so wörtlich nehmen soll, wie es die bibeltreuen Christen tun, warum gibt es dann diese Ungenauigkeit mit dieser Gott/Satan-Geschichte in 2. Sam 24 gegenüber 1. Chr. 21? Mich interessiert außerdem: Warum zitiert Jakobus eine alttestamentliche Bibelstelle, die es nicht gibt? Oder auch die Geschichte mit dem Familiengrab: Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass es sich hier nicht um eine ganz klare Verwechslung zweier biblischer Geschichten handelt. Sowas passiert doch keinem Gott!

Außerdem gehen mir persönlich diese ganzen Verweise auf alttestamentliche Prophezeihungen auf die Nerven, weil sie einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Mit welcher Erklärung bitte, wollen Sie mich überzeugen, dass Jesus der verheißene Immanuel ist, nachdem Sie sich wirklich ausgibig mit der Geschichte beschäftigt haben. Und diese Geschichte schließt die Jungfragengeburt gleich mit ein.

Und nun, lieber Werner R, erklären Sie mir doch mal, warum Sie mir eine aus Bibelstellen zusammengestrickte Theologie per E-Mail senden und mir irgendwas erzählen möchten, dass es offenbar werden musste, dass ich nie dazugehörte.

Fangen Sie doch einfach mal an, für die von mir genannten Ungereimtheiten sinnvolle Erklärungen zu finden. Ich treffe mich gern mit Ihnen persönlich und schau mir dann an, ob Sie mir Ihre Erklärungen ohne rot zu werden präsentieren und dabei ins Gesicht sehen können. Dann können wir gern weiterdiskutieren. Bis dahin sollten Sie sich mit Bibelstellen zurückhalten. Mein Problem sind ja gerade die Bibelstellen. Und zwar die, die sich widersprechen.

Ich wiederhole es auch gern nochmal: ich bezweifle, dass hinter dieser Bibel wirklich ein lebendiger Gott steht. Ein lebendiger Gott hätte solche Fehler nicht in einem unfehlbaren Wort eingebaut. Und wenn doch Fehler drin sein sollten: wie kommen Sie darauf, dass ausgerechnet Ihre ausgeführten Bibelstellen richtig sind?

"Wehe dir Chorazin usw....denn Sodom und Gomorra wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts..."

Na dann, vielen Dank für die Guten Wünsche und ein schönes Leben noch. Es gibt wenig, dem ich gelassener entgegensehe, wie diesem Tag des Gerichts...

Kommentare zu »Das Schlusswort: Über wiedergeborene Christen und ritualisierten Glauben«

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