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Der Placebo-Effekt

An anderer Stelle hatte ich schon mal über B. geschrieben. Ihre Mutter hatte damals irgendwelche Schmerzen und sie ging deswegen relativ erfolglos zu mehreren Ärzten. Irgendwann verschrieb ihr ein Arzt – auf den beide große Hoffnungen setzten – ein Medikament. Als B. ihre Mutter danach fragte, zeigte sie es ihr. Daraufhin wurde B. – sie ist Krankenschwester – sehr sauer. Warum?

Der Arzt hatte ihrer Mutter Placebos verschrieben.

Warum eigentlich Placebos?

Gute Frage eigentlich. Warum verschreibt ein Arzt vorsätzlich ein Medikament, das keinen Wirkstoff enthält? Die Antwort ist einfach: offenbar hat allein der Glaube, ein wirksames Medikament einzunehmen, bereits einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf. Zumindest könnte es so sein. Es muss auch eine gewisse Anzahl solcher Fälle geben, sonst würden die Krankenkassen bestimmt keine Placebos bezahlen.

Wir halten also fest: Placebos haben scheinbar eine nachweisbar positive Auswirkung bei einer nicht unerheblichen Zahl der Leute, die welche einnehmen. Und das, obwohl sie absolut keinen Wirkstoff enthalten.

Der christliche Glaubens-Placebo

Mir hat es am Anfang meines Glaubenslebens sehr imponiert, wieviele Leute denn so von Gott "geholfen" bekommen haben. Da gaben ehemalige Drogensüchtige Zeugnis, da wurden Verbrecher wieder ehrlich, Alkoholiker trocken. Und das alles im Namen Jesu. Ist das nicht toll? Es ist toll. Wirklich toll. Ich selbst kenne zahlreiche Menschen, die in unserer Gesellschaft ohne Jesus durchs Raster gefallen wären.

Je älter ich dann allerdings "im Glauben" wurde, desto mehr verunsicherten mich diese Geschichten. Denn es ist unbestritten: scheinbar sind Krisensituationen der Hauptgrund, warum Menschen sich für Jesus entscheiden. Und ich kann mich gut erinnern, dass ich ab einem gewissen Punkt gern mal Zeugnisse von Menschen gehört hätte, die eben keinen Absturz in ihrem Leben hatten.

Der Jesus-Placebo

Es mag nun für den einen oder anderen zynisch klingen. Aber wenn es heute keinen lebendigen Jesus geben sollte (wovon ich überzeugt bin), dann ìst vieles von dem "heilwerden" nichts anderes als die psychologische Wirkung eines Jesus-Placebos. Das werden viele nicht wahrhaben wollen.

Ich selbst habe die psychologische Kraft des Glaubens gespürt. Gute Predigten funktionieren übrigens ganz ähnlich wie politische Reden, mit denen die Spitzenkandidaten kurz vor der Wahl ihre Partei-Schäfchen aufstacheln wollen. Gute Predigten schaffen Emotionen. Überhaupt schafft der christliche Glaube Emotionen. Ich kann mich erinnern, dass ich beim Bibellesen ein paarmal spontan angefangen habe zu weinen. Einfach so. Noch nicht mal, weil ich traurig war. Nein, ich war kein Charismat. Ich tat es trotzdem.

Ich kann mich an Gebetsspaziergänge erinnern, in denen ich derartige Hochgefühle hatte, dass ich am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Mein Glaube gab mir Kraft und Hoffnung. Und diese Kraft und Hoffnung veränderte mein Leben. Ich wurde dadurch stärker.

Ich bin heute fest davon überzeugt, dass ein Glaube – ganz gleich welcher Art – einem Menschen bei ganz einschneidenden Veränderungen seines Lebens helfen kann. Allein der Glaube an eine höhere Macht und die Perspektive über den Tellerrand des eigenen Lebens hinaus, kann Alkoholikern helfen, trocken zu werden. Kann Drogensüchtigen die Kraft für eine Therapie geben oder Verbrecher zu einem ehrlichen Leben zurückführen. Und das ganz ohne, dass hinter diesem Glauben ein tatsächlich existierender Gott stehen muss.

Die Wahrheit über Placebos.

Es gibt leider eine bittere Wahrheit hinter Placebos. Und diese Wahrheit musste ich auch erleben: Ein Placebo führt entweder zu Verbesserungen oder er tut es nicht. Die psychologische Wirkung eines im Prinzip nicht wirkenden Placebos hält nicht ewig an. Das bedeutet: ab einem gewissen Punkt, muss das eigene Leben wieder die Kontrolle übernehmen. Niemand wird sein Leben lang ein nicht wirksames Medikament einnehmen und glauben, dass es ihm hilft. Irgendwann muss dieses Placebo seine psychologische Kraft in das Leben des Patienten übertragen haben. Denn irgendwann kommt der Patient dahinter, dass es nicht wirkt. Was dann?

Dann gibt es folgende Möglichkeiten:

  1. Die psychologische Wirkung des Placebos hält lange genug an, um das Leben des Patienten neu zu ordnen. Unser Patient kommt an einen Punkt, an dem sein Leben auch ohne Placebo funktioniert (oftmals ist das eine Partnerschaft). Er benötigt das Placebo nicht mehr. Trotzdem nimmt er es noch, weil es ihm mal so geholfen hat. Und so entsteht ein Missionar für christliche Glaubensplacebos, der gern Zeugnis gibt und den christlichen Glauben für das Beste hält, was einem Menschen passieren kann.
  2. Unser Patient nimmt zwar wahr, dass das Placebo nicht wirkt, gesteht sich das jedoch nicht ein. Er hält krampfhaft am Placebo fest, sucht aber nach weiteren Mitteln, um sein Leben grade zu biegen. Alte Verhaltensweisen kommen wieder hoch. Das Leben führt ihn wieder zurück in alte Bahnen. Dem Patienten wird wieder alles egal. Er resigniert erneut.
  3. Unser Patient nimmt zwar wahr, dass das Placebo nicht wirkt, gesteht sich das jedoch nicht ein. Er hält krampfhaft am Placebo fest, sieht aber kein Vorankommen in seinem Leben. Er entwickelt Depressionen. Das Placebo muss doch wirken. Es hat immer gewirkt. Unser Patient konzentriert sich auf das Placebo, so stark er kann. Und genau das, was ihm anfänglich half, stellt sich nun gegen ihn, denn das Placebo wirkt nicht. Es kann auch gar nicht wirken. Es folgt eine Abwärtsspirale. Unser Patient steigert sich immer stärker in den Glauben an sein Placebo. Er glaubt fest, ohne sein Placebo nicht mehr leben zu können und wird süchtig nach einem nicht-wirksamen Medikament.

Wenn man sich die "Sorgenkinder" der Gemeinden mal ehrlich ansieht, dann ist die Quote der letztgenannten Fälle durchaus recht hoch. Aber – und das möchte ich hier auch nicht verschweigen – viele Gemeinden sind gut aufgestellt, mit ausgebildeten Seelsorgern, die versuchen, diese Menschen aufzufangen.

Und genau das ist der Grund, warum ich den christlichen Glauben hier nicht grundsätzlich verteufeln möchte: ein Placebo hat zwar keinen Wirkstoff, aber er kann trotzdem wirken. Wenn Sie das Glück haben, in einer christlichen Gemeinde wirklich aufgefangen zu werden. Wenn Sie den richtigen Seelsorger finden, der in der richtigen Art und Weise Ihre Probleme mit Ihnen angeht, kann es sein, dass die Christen das Beste sind, was ihnen im Leben widerfahren kann.

Es ist aber auch das genaue Gegenteil möglich. Dann kämpfen Sie mit stumpfen Waffen, bis Ihnen irgendwann die Puste ausgehen wird.

Meine Erfahrungen

Ich will hier nicht verschweigen, dass auch ich einmal in einer persönlichen Krisenlage in die christlichen Gemeinden kam. Nun mag ich durchaus ein Sonderfall sein, weil ich wirklich auch Pech hatte. Sie finden auf dieser Webseite viele Argumente, die ich ignoriert habe, bis der Leidensdruck zu groß wurde und ich mir eingestehen musste, dass dieser Glaube keinen Wirkstoff enthält.

Ich kenne viele Menschen, die noch in frühere Gemeinden von mir gehen. Zu einigen habe ich noch Kontakt. Einige konnten ihr Leben neu ordnen, andere nicht. Schockiert – das will ich mal ehrlich so schreiben – war ich über einige (nicht alle) ehemalige Mit-Bibelschüler, zu denen ich zum Teil vor einigen Jahren neu den Kontakt gesucht habe. Ich konnte deutlich sehen, wie das Leben von Menschen verlaufen kann, die überhaupt erst dadurch Probleme bekommen, dass sie sich mit aller Kraft auf ein nichtwirkendes Medikament – den christlichen Glauben – gestützt haben. Bei einigen meiner Mitschüler hatte ich das Gefühl, dass sie sich zurückentwickelt haben. Damals hatten sie noch dieses Brennen für den Glauben. Heute haben sie es verloren, und halten sich krampfhaft an den Resten ihres Glaubens fest. Man muss ihnen nur kurz zuhören um zu wissen, dass sie große Depressionen haben.

1991 oder 1992 passte ich mit meiner damaligen Freundin mal ein Wochenende auf einen Ex-Drogie auf. Sante hieß er. Wir hatten einen seiner Freunde in unserem Hauskreis, der ihn extra aus Hannover holte, um ihn wieder clean zu kriegen, als er rückfällig wurde. Sante war ein sehr angenehmer Mensch. Wir verbrachten ein schönes Wochende. Irgenwann erfuhren wir von ihm, dass er geheiratet hatte. Und einige Jahre später erfuhren wir, dass er sich das Leben nahm. Ein tiefgläubiger Mensch nimmt sich das Leben. Warum eigentlich?

Mein Fazit zu Glaubens-Placebos

Meistens mache ich ja am Ende eines Abschnitts meine Ansicht deutlich, dass der christlirche Glaube nicht wahr sein kann. Darum soll es hier mal nicht gehen. Nehmen Sie diesen Abschnitt mal als Erfahrungen eines ehemaligen wirklich tiefgläubigen Christen.

Es kann sein, dass mit ihrem Leben + ihrem Glauben alles prima läuft. Dann ignorieren Sie diese Webseite ruhig und leben Sie glücklich weiter. Wenn Sie allerdings erahnen, dass diese Placebo-Thematik etwas wahres haben könnte und Sie Anzeichen sehen, dass Sie in eine Art Placebo-Sucht verfallen, die Sie runterzieht. Dann denken Sie rechtzeitig nach.

Für mich war meine fromme Zeit ein schöner Traum. Am liebsten würde ich morgen meine Sachen packen und zurück zu meiner Bibelschule fahren. Ich kann den Scheiß nicht mehr glauben, den die dort erzählen. Aber ich würde am liebsten Theater spielen und so tun als ob. Ich würde am liebsten die blaue Pille nehmen und mich wieder in die Matrix einstöpseln lassen. Ich schreibe das mal so deutlich, weil dem Leser dieser Webseite bestimmt nicht klar ist, dass ich mit meinem Glauben etwas verloren habe, das mir unendlich wertvoll war.

Ich habe das wertvollste in meinem Leben verloren. Aber ich bin heute umso mehr davon überzeugt, dass es ein Placebo war. Ich habe wie ein kleines Kind im Sandkasten gespielt. Mein Leben hat sich erst geändert, als ich damit aufhörte und die Verantwortung wieder in meine eigenen Hände nahm. Das war ein harter Schritt, der zuerst mal ganz nach unten führte, bevor es wieder aufwärts gehen konnte. Inzwischen habe ich über diese Webseite auch Menschen kennengelernt, denen es ähnlich ging.

Ich kann Ihnen aus meiner Erfahrung nur dies sagen: ich denke täglich an meinen ehemaligen Glauben und dies mag eine kleine Tom-und-Jerry-Wolke sein, die mich mein Leben lang verfolgen wird. Aber die Entscheidung gegen das Placebo und für die eigene Verantwortung war richtig. Ich hätte sie viel viel früher treffen sollen und es ist für mich heute unfassbar, wie sehr ich mich diesem Placebo verschrieben hatte.

Es gibt einen alten Indianerspruch: Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd reitest, steig ab. Ich kann Ihnen nur raten: denken Sie selbst nach. Leute, denen es gutgeht, können dieses Placebo weiter einnehmen. Diese Menschen glauben wahrscheinlich sogar, dass das Placebo weiterwirkt und werden Ihnen erzählen, wie gut es wirkt. Gesunde Leute brauchen kein Medikament, können aber ein Placebo weiterhin einnehmen, ohne dass es schadet. Nun stellt sich die Frage: Sind sie gesund? Wenn nicht, sollten Sie aufhören, sich Zeugnisse von Gesunden anzuhören und sich mal die Wirkungsweise Ihres Medikaments – des christlichen Glaubens – bei den Nicht-Gesunden ansehen. Kommen diese Menschen wirklich weiter oder erleben sie nur kurze Phasen von Euphorie, nach denen sie wieder in alte Verhaltensweisen oder Depressionen verfallen?

Wenn Sie auf dieser Seite Dinge gelesen haben, die Parallelen in ihrem Leben haben, ziehen Sie rechtzeitig Konsequenzen. Tun Sie es bald, denn jedes verlorene Jahr wird Sie später schmerzen. Viel Glück dabei.

Kommentare zu »Der Placebo-Effekt«

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