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Kurzes Vorwort: Ich erhalte relativ viele Zugriffe über Suchmaschinen auf genau diese Seite. Ich freue mich natürlich, wenn Suchmaschinen mich für so wichtig halten, dass sie mich nach oben stellen. Ausgerechnet diese Ausarbeitung ist jedoch sehr theologisch — evtl. eher für Fortgeschrittene — vielleicht sogar ohne den Originalartikel unverständlich, denn die Zitate sind immer recht kurz, weil ich gegen kein Copyright verstoßen wollte. Wenn Sie sich mit der biblischen Irrtumslosigkeit auseinandersetzen möchten, empfehle ich Ihnen zu Beginn den Abschnitt Widersprüche der Bibel.
Übrigens führe ich hier keine persönliche Vendetta gegen Dr. Kaiser. Ich bin anderer Meinung und die Ansichten, die er in diesem Aufsatz vertrat erzeugten, damals wie heute eine gewisse Ratlosigkeit bei mir. Dies hier ist meine persönliche Auseinandersetzung mit seinem Aufsatz — nichts weiter. Vielleicht immer noch etwas gepfeffert formuliert, weil die Inhalte dieser Seite kurz nach meinem Ausstieg aus dem christlichen Glauben entstanden sind.
Und jetzt gehts los...
Ich hatte mit diesem Herrn eigentlich nur eine einzige Begegnung 1994 bei einem Vortrag — ich glaube anlässlich eines Jubiläums des Bibelbundes. Dr. Bernhard Kaiser war damals Dozent für Dogmatik an der Freien Theologischen Akademie in Gießen. Für mich der Mercedes unter den bibeltreuen theologischen Ausbildungsstätten.
In der Zeitschrift "Bibel und Gemeinde" (Ausgabe 2/94) fand ich damals einen Artikel von ihm zum Thema "Was ist biblische Irrtumslosigkeit". Damals war ich noch knochenfromm und selbst an einer anderen Bibelschule. Wie ich schon an anderer Stelle erwähnt habe, war für mich dieses Thema immer schon von besonderer Bedeutung. Ich las also seinen Aufsatz mit großem Interesse, wurde dabei allerdings schnell nachdenklich. Legen wir los:
Dr. Kaiser bringt Beispiele wie Psalm 7,10 (Gott prüft Herz und Nieren). Stellen also, die von den damaligen Lesern richtig verstanden wurden, aber mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Dann schreibt er:
Dabei kann den Autoren der Schrift problemlos zugestanden werden, daß sie es subjektiv ehrlich meinten und dass sie ihre Leser zum richtigen Ziel führen wollten, so daß die Schrift wohl unfehlbar sein kann, jedoch nicht frei von sachlichen Irrtümern ist.
Da kann ich nur sagen: Aha!
Zuerst beschäftigt sich Dr. Kaiser mit dem Maßstab für Wahrheit und Unwahrheit. Folgendes fällt ihm auf:
Wir hätten ein naturalistisches, fleischliches Verständnis von dem, was "wahr" ist und wieder würden wir ein geistliches Prädikat mit fleischlichen Mitteln gewinnen.
Interessant wie hier das Gütesiegel fleischlich eingesetzt wird. Letztenendes steht hier: Euer Verstand ist eh fleischlich. Was wollt ihr also prüfen. Doch lesen wir weiter.
Ganz abgesehen davon können wir bei dieser Operation die Wahrheit der Schrift überhaupt nicht durchgängig feststellen, denn wir müssten unter anderem beweisen, daß Gott seine Verheißungen etwa im Blick auf das ewige Leben auch tatsächlich erfüllt. Aber diese Beweisführung, die sich auf die jenseitige Welt bezieht, liegt ganz außerhalb unserer Kompetenz. Darum wären wir inkonsequent bei der Vergabe dieses Prädikates "irrtumslos": wir würden Irrtumslosigkeit für Dinge beanspruchen, die wir überhaupt nicht überprüfen können.
Interessant. Auf der einen Seite ist die Bibel unfehlbar. Auf der anderen Seite können wir diese Unfehlbarkeit aber gar nicht prüfen, weil wir mit unserem fleischlichen Verstand ja gar nicht wissen können, was eigentlich wahr ist.
Meine Frage: Warum schreibt Dr. Kaiser dann einen 23-seitigen Artikel darüber? Wir haben Glück. Es gibt einen Ausweg. Lesen wir weiter.
Wir müssen einen anderen Weg beschreiten, der dem Anspruch der Schrift gerecht wird: wir begründen die biblische Irrtumslosigkeit von der Schrift her.
Ok. Das mag etwas plump gewesen sein. Darum schreibt er weiter.
Das ergibt zwar formal – wie jedes andere Vorgehen auch – einen Zirkelschluß, aber wir stehen dabei nicht in dem Verdacht, unsere subjektiven Erkenntnistheorien zum Maßstab zu machen, denen man berechtigterweise Rivalität oder Absurdität vorwerfen kann. Wir wollen vielmehr hören, was die Schrift selbst zu unserem Thema zu sagen hat und Überlegungen anstellen, inwiefern dies sinnvoll ist.
Nun frage ich mich: wenn er nicht im dem Verdacht steht, mit seinem Vorgehen, seine eigenen subjektiven Erkenntnistheorien zum Maßstab zu machen. In was steht er dann? Im Prinzip tut er doch nun genau das, was er vermeiden möchte: Er geht mit einer Prämisse an die Bibel heran.
Um mal ein Beispiel aus dem Leben suchen: Nehmen wir an, ich suche einen seriösen Online-Shop. Dann kann ich aus dessen AGB evtl. herauslesen, dass er unseriös ist. Aber mehr doch nicht. Ich kann doch nicht hingehen uns sagen: er schreibt über sich, dass er seriös ist. Also ist er wohl seriös. Genau das will Dr. Kaiser aber mit der Bibel machen.
Dr. Kaiser fährt nun fort und macht weitere Ausführungen in diesem Sinne, die ich nicht mehr für weiter erwähnenswert halte. Ich jedenfalls konnte dort kein wirklich schlagendes Argument mehr finden. Also blättern wir nach vorn.
Hier kommt er nun auf die Chicagoer Erklärung zu sprechen. Dort haben die schlausten der Frommen festgelegt, was denn Irrtumslosigkeit ist und was nicht. Vielleicht ein kurzes Zitat, damit man in etwa weiß, was hier steht:
Wir verwerfen die Meinung, daß es richtig ist, die Schrift nach Wahrheits- und Irrtumsmaßstäben zu bewerten, die ihrem Gebrauch und Zweck fremd sind. Wir verwerfen ferner die Meinung, dass die Irrtumslosigkeit beseitigt wird, durch biblische Gegebenheiten wie Mangel an moderner technischer Genauigkeit, Unregelmäßigkeiten von Grammatik und Schreibweise, optische Beschreibung der Natur, Berichte von Unwahrheiten, Verwendung von Übertreibung und runden Zahlen, Sachanordnungen nach Gesichtspunkten, unterschiedliche Sachauswahl in Parallelberichten oder der Gebrauch freier Zitate. (Zit. n. Evangelium/Gospel 1979, 3/4).
Wir lernen also: Die Frommen haben schon festgelegt, was genau als Maßstab für Irrtumslosigkeit verwendet werden kann und was nicht. Die Unterstreichungen sind von mir. Bei den Übertreibungen frage ich mich, woran ich denn festmache, dass es Übertreibungen sein sollen. Mit Sachanordnung nach Gesichtspunkten könnte man mein Satan=Gott-Problem lösen wollen. Und bei der Sachauswahl in Parallelberichten kriege ich Kopfschmerzen. Wie die aussehen, kann jeder in meinem Abschnitt über die Synoptiker nachlesen.
Hier macht man es sich ein bißchen einfach. Für mich klingt das ein bißchen nach: Die Bibel ist unfehlbar. Sollte das irgendwo nicht stimmen, ist die Prüfung nicht erlaubt, weil...
Wir werden nicht alle widersprüchlich erscheinende Stellen harmonisieren können.
Aha!
Vor allem lässt die biblische Chronologie manche Fragen offen.
Zu deutsch: es passt nicht zusammen.
Als Beispiel sei hier nur die Rede des Stephanus und die Chronologie der Erzväterzeit genannt: Der Tod Terachs und der Zeitpunkt des Auszugs aus Haran sowie die Länge der Gefangenschaft in Ägypten (in Verbindung mit Gal. 3,17)
Interessant. Dann kommt die Sache mit dem Familiengrab. Die hatten wir schon. Weiter...
Unklar ist auch das Jahr der Thronbesteigung Hiskias, wenn man Jes. 36,1, und 2. Kg. 16,1.2; 17,1; 2. Kg. 18,11-12.13 sowie die Regierungszeiten der isrealitischen und judäischen Könige, miteinander vergleicht.
Wir erinnern uns: die Bibel ist weiterhin irrtumslos. Er nannte hier lediglich widersprüchlich erscheinende Stellen und offene Fragen.
Beachten wir bitte: die Chronologien sind Zahlenreihen, die sich nicht irgendjemand ausgedacht hat, sondern die sich direkt aus der Bibel ergeben. Schon an der ermüdenden Menge dieser Geschlechtsregister im Alten Testament lässt sich erkennen, wie wichtig diese Daten genommen wurden.
Wenn sich nun herausstellt, dass jemand schon tot war, als er König wurde. Oder dass – wie bei Matthäus und Lukas – die beiden Geschlechtsregister voneinander abweichen, dann bekomme ich berechtigte Zweifel an der Irrtumslosigkeit dieser heiligen Schrift. Wenn es irgendetwas gibt, um die Bibel auf Unfehlbarkeit zu prüfen, dann sind es gerade diese Zahlenreihen. Gerade wenn ich die Bibel mit der Bibel prüfen möchte, wie Dr. Kaiser es oben beschrieben hat, sind diese Zahlenreihen doch das einzige wirklich harte Faktum, das ich heranziehen kann. Bei meinem Besuch 1995 in Israel lernte ich, dass das Alte Testament für die Leute in Israel ihr Geschichtsbuch ist. So genau nimmt man dort die Angaben des Alten Testaments.
Jetzt hinzugehen, wo Dinge nicht passen, und so zu tun, als ob es nur widersprüchlich erscheinende Stellen sind, scheint mir etwas merkwürdig. Aber lesen wir, was er selbst schreibt:
Wir können verschiedene Überlegungen anstellen, die den Charakter von Denkmöglichkeiten haben, aber in sich keine schlüssigen Antworten darstellen. Damit íst noch nicht bewiesen, dass die Schrift tatsächlich irrt.
Soso...
In Anbetracht des zweitausendjährigen Abstandes, den wir von der Schrift haben, ist es sinnvoll, Zurückhaltung zu üben & einzugestehen, daß uns nicht alle Details bekannt sind, anstatt uns zur vorschnellen Annahme von Irrtümern zu versteigen.
Hervorhebung von mir. Jetzt mal ganz im Ernst: Wir lesen gerade einen Artikel zum Thema "Was ist biblische Irrtumslosigkeit?" Alles was er uns hier anbietet sind doch nichts weiter als Ausflüchte, um nicht zugeben zu müssen, dass das was in der Bibel steht, nicht uneingeschränkt stimmt. Und ganz nebenbei schiebt er uns noch unter "Wenn du nicht meiner Meinung bist, versteigst du dich in vorschnellen Annahmen!"
Vergessen wir an dieser Stelle bitte nicht, dass dieser Gott von uns erwarten würde, dass wir unser Leben für ihn lassen. Auch heute noch werden irgendwo auf dieser Welt Christen verfolgt und vielleicht sogar umgebracht, weil sie sich auf diese Bibel stützen. Es ist daher nicht egal, ob dieses Buch wahr ist oder nicht.
Mindestens eine frühere Freundin aus einer meiner früheren Gemeinden ist heute Missionarin und wurde an der Freien Theologischen Akademie wahrscheinlich auch von Dr. Kaiser ausgebildet. Missionare gehen mitunter in extrem gefährliche Gebiete und riskieren dort ihr Leben für ihren Gott. Im Gegenzug sollte dieser Gott evtl. auch eine für einen ewigen Gott ernstzunehmend irrtumslose Heilige Schrift vorlegen können.
Kleiner Exkurs: Nun stellen sich natürlich die Frommen die Frage: Warum sollte Gott eine irrtumslose Schrift vorlegen müssen? Er ist doch Gott und kann tun und lassen, was er will. Dr. Kaiser vertritt eine Glaubensrichtung, die ein frommes Gefühl nicht als Bestätigung für wiedergeborenes Christsein zulassen wird: Bibelwissen ist dazu notwendig. Man muss wissen, was Jesus getan hat, es für sich in Anspruch nehmen und Buße tun. Erst dann ist man gerettet. Wenn der einzige Weg der Menschen zu Gott heute nur über Jesus geht (so, wie ihn die Bibel bezeugt) und man sich dabei darauf zurückzieht, dass die Bibel irrtumslos ist und alles was darin steht wahr und daher zu befolgen ist, dann sollte sie das auch sein. Sollte es offensichtliche Fehler in der Bibel geben, wäre dieser Auslegungsweg zu verwerfen. Dazu verweise ich auf meinen Abschnitt Glaube und Gefühl.
Mich persönlich ärgert es, wenn dann Menschen wie Dr. Kaiser diese Schrift irrtumsloser reden möchten, als sie eigentlich ist. Aber das ist meine Meinung, wenden wir uns wieder dem Werk von Dr. Kaiser zu.
Hier geht er darauf ein, was passieren würde, wenn wir die Irrtumslosigkeit der Schrift verneinen würden. Ich zitiere hier mal nicht mehr, sondern kürze seine Schlussfolgerungen sinngemäß:
Was steht hier? Wenn du eins anzweifelst, kannst du alles vergessen. Fällt die biblische Irrtumslosigkeit nur an einem einzigen Punkt, ist nichts mehr sicher. Stimmt eins nicht, könnte alles nicht stimmen. Weil man das als Frommer nicht will, schluckt man die Unfehlbarkeitstheologie und stimmt fröhlich mit ein, in die Zusammenfassung von Dr. Kaiser:
... dass angesichts dieser Komplexität die klassische Logik ihre Dienste versagt, so daß aus dieser Ecke kein wirksamer Angriff auf die Irrtumslosigkeit der Schrift geführt werden kann...
Ich stelle hier einfach mal fest, dass ich mit der klassischen Logik aber auch ganz sicher keine Irrtumslosigkeit der Schrift belegen kann.
... Im Licht der genannten Argumente haben wir die Irrtumslosigkeit der Schrift bedacht und präzisiert. Schließlich diskutierten wir die Bedeutung der biblischen Irrtumslosigkeit
Ja. Wir haben gelernt, dass man — wenn man eins anzweifelt, die ganze Packung vergessen kann.
Es ist unsere Hoffnung, mit diesem Aufsatz die Hintergründe der Verneinung der Irrtumslosigkeit aufgedeckt und nicht ohne Grund hinterfragt zu haben. Ebenso hoffen wir, daß es genügend Gründe gibt, an der biblischen Irrtumslosigkeit festzuhalten.
Ich hatte diesen Aufsatz damals als sehr gläubiger und interessierter Christ mehrfach ganz gelesen. Ich habe danach immer wieder den Kopf geschüttelt. Und auch heute fällt mir nichts mehr dazu ein.
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