Grundsätzlich ja eine sehr schöne Prophezeihung aus dem Alten Testament. So wird es in Matthäus (1,22-23) zitiert:
Dies geschah, damit in Erfüllung geht, was der Herr durch den Propheten vorausgesagt hatte: "Siehe eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, den wird man Immanuel nennen." Der Name bedeutet: "Gott steht uns bei".
Diese Zeilen stammen aus einem meiner früheren Lieblingslieder. Jeder weiß es: Immanuel bedeutet Gott mit uns, Jesus ist Immanuel und seine Jungfrauengeburt wurde im AT angekündigt.
Und tatsächlich. Der von Mattäus zitierte Vers steht auch tatsächlich genauso im Alten Testament. Und zwar in Jesaja 7,14. Soweit klingt alles prima.
Haben Sie schon den Herodes-Abschnitt unter Bibelübersetzungen gelesen?
Was haben wir bis jetzt gelernt? Die von Matthäus zitierte Stelle befindet sich in Jesaja 7,14. Soweit, so gut. Aber wie ist die Vorgeschichte?
(Zum besseren Verständnis arbeiten wir mit Farben: rot ist Nordreich, blau ist Südreich)
Irgendwann um 932/931 v. Chr. teilte sich das Reich Israel.
Beide Seiten verstanden sich mehr oder weniger schlecht und bekriegten sich oft untereinander. So auch hier.
Das Südreich waren tendenziell eher die Guten. Sie hatten Jerusalem und damit den Tempel, in dem Gott persönlich anwesend war. Und so regierte König Ahas das Südreich. Im Nordreich baute man irgendwann seinen eigenen Tempel in Samaria.
Was kam dabei heraus? Denken wir nur an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Das waren Nachkommen des Nordreichs. Abschaum. Sowas ging zu Jesu Zeiten gar nicht. Für uns ist der Samariter inzwischen etwas positives. Jesus verwendete ihn aber nur in seinem Gleichnis, weil es so ziemlich das niedrigste war, das man sich vorstellen konnte.
Wir befinden uns 700 Jahre früher - in einer Zeit, in der die Wurzeln dafür gelegt wurden.
Vielen mag es gar nicht klar sein. Jesaja 7,14 ist Teil einer Geschichte. Es war nie dazu gedacht, allein zitiert zu werden. Lesen wir das Ding doch mal im Zusammenhang. Vielleicht geht uns ein Licht auf.
Als in Juda Ahas, der Sohn Jotams und Enkel Usijas, König war, zogen Rezin, der König von Syrien, und Pekach, der Sohn Remaljas, der König von Israel, gegen Jerusalem heran. Sie griffen die Stadt an, konnten sie aber nicht einnehmen.
Schauen wir uns zunächst mal an, in welcher Zeit wir leben: Lt. Zeittafel der Guten-Nachricht-Übersetzung (ganz hinten), gab es einen Ahas von 741-725 v. Chr. in Juda. Auch sein Vater Jotam ist erwähnt, ebenso wie sein Großvater Usija. Einen Pekach gab es von 735-732 in Israel. Das bedeutet: unsere Geschichte spielt irgendwann zwischen 735 und 732 vor Christus.
Irgendwann zwischen 735 und 732 verbündete sich Israel mit den Syrern und ziehen gegen Judas Hauptstadt Jerusalem in den Krieg. Die Soldaten der Syrer sammeln sich bereits in Ephraim. Der Krieg steht unmittelbar bevor.
Ahas (König von Juda) zitterten die Knie. Und mit ihm dem ganzen Volk.
Dann bekommt der Prophet Jesaja einen Auftrag von Gott: er soll zu Ahas sagen: Bleib ruhig, hab keine Angst, es wird dir nichts passieren. Jesaja hält eine komplette Predigt, die ich mal gekürzt habe. Er endet mit: Vertraut auf den Herrn. Wenn ihr nicht bei ihm bleibt, bleibt ihr überhaupt nicht.
Gott kennt offenbar Ahas und seine Angst, darum kriegt Ahas noch ein Zeichen angeboten: Jesaja sagt: Fordere doch ein Zeichen von deinem Herrn, ganz gleich, ob aus der Totenwelt, oder aus dem Himmel.
Was macht Ahas? Er macht sich in die Hose. Anstatt das Zeichen von Gott zu fordern, das der ihm geben will, damit er nicht wegläuft, zieht er den Schwanz ein und sagt: Ich verlange kein Zeichen, ich will den Herrn nicht auf die Probe stellen.
Was bedeutet das: Ahas wird vom Nordreich und Syrien angegriffen, Gott schickt ihm einen Propheten und sagt, es wird ihm nichts passieren, Ahas hat weiter Angst, Gott sagt: DAMIT DU GANZ SICHER SEIN KANNST, KRIEGST DU VON MIR EIN ZEICHEN, SAG MIR NUR, WAS. Aber Ahas fordert kein Zeichen.
...müsst ihr auch noch die Geduld meines Gottes auf die Probe stellen...? (sagt Jesaja).
...deshalb wird der Herr euch jetzt von sich aus ein Zeichen geben...
...Siehe, eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, den wird sie Immanuel (Gott steht uns bei) nennen....
Ist irgendjemandem außer mir evtl. auch aufgefallen, dass dieser Text von einem Zeichen an König Ahas handelt?
Von 740 bis ca. 715 vor Christus.
700 Jahre später?!
Nein!
Nein. Assyrer und Babylonier hatten eine besondere Taktik bei Eroberungen. Man verschleppte alle, die klug genug sein konnten, um einen Aufstand anzuzetteln in ein anderes erobertes Gebiet. Durch die Umsiedelung hatten die Leute dann erst mal andere Sorgen, als aufmüpfig zu sein.
Das Nordreich wurde meines Wissens gegen 720 v. Chr. von den Assyrern erobert und verschleppt. Dort vermischten sie sich mit anderen eroberten Kulturen und Religionen und verloren größtenteils ihre Identität als Volk Gottes. Was wir heute als Israel kennen, ist im Prinzip nur noch Südreich. Die wurden erst 150 Jahre später durch die Babylonier verschleppt und hielten stärker an ihrer Kultur und ihrem Glauben fest. Daher auch der Name Juden - von Juda.
Das Nordreich wurde versprengt und diejenigen, die dann doch zurückgekehrt sind, waren zur Zeit Jesu etwa so beliebt, wie ein paar esoterisch-astrologisch angehauchte Psycho-Hippies mit Jesus-Button und Power-Armband, die in einer evangelikalen Gemeinde den optimalen Platz für den Altar auspendeln wollen, damit er die positiven Erdschwingungen gut an die Gemeinde abstrahlen kann.
Warum bitte kommt Matthäus auf die Idee, Jesaja 7,14 zur in Jesus erfüllten Prophethie zu erklären? Ich verstehe das nicht. In meinen Augen geht das nicht.
Nur ein paar Gedanken noch. Schließlich geht die Geschichte ja noch weiter:
Ich bin kein Experte der damaligen Kultur. Aber Rahm und Honig klingt für mich relativ luxuriös. Passt das zum aufwachsenden Jesus? Passt es vor allem zur anderen Prophetie nebenan aus Jesaja 53 mit dem Keim auf dürrem Land?
Noch bevor Immanuel groß genug ist, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden, wird das Land der beiden angreifenden Könige Rezin (Syrien) und Pekach (Nordreich-Israel) verwüstet sein.
Prima. Da kann ich nur sagen: Die Assyrer verschleppten 722 v. Chr. das Nordreich (ca. 10 Jahre nach unserer Geschichte hier). Dann kamen die Babylonier, erobteren die Assyrer und verschleppten 586 v. Chr. auch das Südreich. Aber auch die blieben nicht ewig: die Perser schlugen Babylon und ließen die Juden um 450 v. Chr. wieder zurück ins Südreich. Vom Nordreich war kaum jemand übrig, dem seine ehemalige Heimat etwas bedeutete. Dann kamen wahrscheinlich die Griechen in der Pause von 400 Jahren, in der keine Bibelberichte vorliegen und danach kamen die Römer. Als Jesus eintraf, war das Land sicher ausreichend verwüstet worden.
Ist Jesus dieser Immanuel? Sicher passt die Trübsal aus Jesaja 7,17 prima zu dem, was ich gerade geschrieben habe. Wäre da nicht das Ende von Vers 17. Die Trübsal wird durch den assyrischen König geschehen. An den hat zur Zeit Jesu nach der Eroberung durch die Babylonier, Perser, Griechen und Römer sicher keiner mehr gedacht und wenn doch, dann vielleicht so, wie wir noch an Barbarossa denken.
Nun ist Gott nicht mehr nett. Nur noch böse Dinge verheißt er seinem Volk. An alle, die versucht sind, dies in der Zeit um Jesus herum stattfinden zu lassen: Vers 20 lesen: Den König von Assyrien will Gott in seinen Dienst nehmen. Er wird Gottes Volk unter anderem die Schamhaare abschneiden. Prima.
Für mich spielt diese Geschichte mit allen ihren Zeichen und Prophetien in der Zeit von König Ahas, 700 Jahre vor Jesus. Es mag hier von einer Jungfrauen-Geburt die Rede sein. Abgesehen davon, dass das Wort auch einfach nur junge Frau bedeuten kann, wars das aber dann auch.
Diese Stelle handelte nie von Jesus. Immanuel ist nicht Jesus. Und diese Prophetie sagt auch sonst nichts über Jesus aus.