Gespräche über Ausstiegsgründe

Vor einigen Jahren traf ich bei einem Ehemaligentreffen meiner Bibelschule einen ehemaligen Mitschüler. Wie schön :-)

Er befragte mich über die Gründe meines Ausstiges aus dem christlichen Glauben. Dann war ich dran und erklärte ihm alles so gut ich konnte. Nach einigen Minuten machte ich eine Pause. Darauf stellte er eine Frage: Haben dich Menschen frustriert? Genau an diesem Punkt wusste ich, dass er mir überhaupt nicht zugehört hatte.

Die Idee zu dieser Unterseite hier kam, als ich letztens mit einem alten (christlichen) Freund zusammensaß. Meistens sparen wir inzwischen den Glauben aus unseren Gesprächen aus. Doch diesmal war wieder einer dieser Tage, an denen alles anders ist. Und es passierte genau das, was dann immer passiert: Wie Colombo begann er Fragen zu stellen. Ich habe unzählige solcher unsinnigen Gespräche geführt. Ich habe mich sogar verleiten lassen, mich in einem christlichen Forum in eine solche Diskussion verwickeln zu lassen. Noch nie kam etwas fruchtbares dabei heraus.

Argumentationsschach mit dem Fragen-Springer

Alle folgenden Fragen wirken durchaus berechtigt. Gehen wir aber mal auf die Intention des Fragestellers ein. Die Fragen sind nämlich allesamt Fangfragen. Man kann sie gar nicht richtig beantworten. Im Gegenteil. Man erzählt, erklärt, diskutiert und kommt unweigerlich mit einer Formulierung, die die nächste dieser Fragen zulässt.

Ich habe mich auf unzählige solcher Diskussionen eingelassen. Es ist, als ob man in einem riesengroßen Kreis schwimmt. Keiner von beiden kommt weiter.

Der Nicht-Mehr-Christ erzählt aus seinem Leben. Der Christ hört zu und stellt irgendwann eine Frage, die ihm - wie bei einem Schachspiel - gerade passend erscheint. Warum passend? Weil der Aussteiger-Christ gerade einen neuen Ansatzpunkt offengelegt hat.

Die Frage gibt dem Aussteiger wieder Redestoff und er redet und redet, während der Christ fragt und fragt. Am Ende kommt sich der Aussteiger schuldig vor, weil er die ganze Zeit nur in der Defensive war. Es ist wie beim Tennisspielen gegen die Ballmaschine. Gelegentlich unterhaltsam, etwas lehrreich, aber völlig sinnlos.

Christen und Aussteiger stehen, was den Glauben betrifft, auf zwei verschiedenen Seiten eines Abgrundes. Sie finden nicht mehr zueinander. Das ist meine Erfahrung.

Mein Tipp: solche Gespräche vermeiden. Sie führen nirgendwo hin.

Typische Fragen von Christen an Aussteiger

  1. Suggestivfragen von Christen and Nicht-Mehr-Christen
    1. Haben dich Menschen frustriert?
    2. Hast du deinen Glauben ritualisiert?
    3. Hast du nicht damals schon diese Zweifel gehabt?
    4. Hast du aus dir heraus gelebt?
    5. Warst du wirklich sicher, dass du wiedergeboren bist?
    6. Hast du in Sünde gelebt?
    7. Hast du im Namen Jesu gebetet?
    8. Hast du nichts mit Gott erlebt?
    9. Wolltest du in sexueller Freiheit leben?
    10. Warum hörst du nicht mit Bibellesen auf?

Das soll mal reichen.

Mein Tipp an alle Nicht-Mehr-Christen

Lasst euch nicht verunsichern von dieser Art der Fragestellung. Kein Mensch war jemals perfekt und auch ihr seid es nicht. Natürlich habt ihr Fehler gemacht. Das bedeutet aber nicht, dass ihr euch jetzt einer solchen Fragestunde aussetzen müsst, deren einziges Ziel es ist, einen kleinen dunklen Fleck in eurem Leben zu finden, um den dann zum schwarzen Meer aufzublasen.

Wenn ihr Fragen beantwortet, bleibt fair, aber sorgt auch dafür, dass eure Gesprächspartner fair bleiben. Ihr seid keine schlechteren Menschen, nur weil ihr nicht mehr an Jesus Christus glaubt.

Lasst allerdings alle Versuche stecken, euer Gegenüber zu überzeugen. Oder hätte man euch ein Jahr vor eurem Ausstieg mit Argumenten davon überzeugen können, dass euer Glaube nicht wahr ist? Erwartet also von eurem Gegenüber kein Verhalten, das ihr früher selbst nicht gezeigt hättet.

Suggestivfragen von Christen and Nicht-Mehr-Christen

Schauen wir uns mal typische Suggestivfragen von Christen an und analysieren sie zusammen.

Haben dich Menschen frustriert?

Die so einfache Frage: Haben dich Menschen frustriert? ist eine typische Suggestivfrage. Wer eine solche Frage stellt, will doch keine Antwort. Es geht doch hier nur darum, jemandem sein Problem vorzuhalten. In Wirklichkeit wird hier folgendes gesagt:

Lieber Nicht-Mehr-Christ, ich habe mir deinen Vortrag nun angehört und festgestellt, dass du relativ häufig von anderen Menschen gesprochen hast. Du hast aber Gott aus den Augen verloren. Du musst auf Gott schauen, nicht auf Menschen! Das ist dein Problem!

Muss man auf so etwas wirklich antworten? Eigentlich nicht. Wer aussteigt, weiß genau, warum er ausgestiegen ist und welche Rolle Menschen dabei spielten. Dass sich der christliche Glaube um einen Gott und nicht um Menschen dreht, ist jedem klar, der mal Christ war.

Diese Frage kommt häufig, wenn ich vom Willen Gottes und den unterschiedlichen Konfessionen spreche. Zum Beispiel über diesen Gastlehrer an der Klostermühle, der den Toronto-Segen als klar satanisch hinstellte. Immer wenn ich solche Beispiele bringe, von Menschen, die eigentlich gläubig sind, aber andere Christen verurteilen, deren Glaube mir genauso ehrlich vorkommt, fragen mich Christen den Satz: Haben dich Menschen frustriert?

Nein, nicht Menschen. Der hinter diesem Glauben stehende Gott, der seinen Schäfchen nicht mal hilft, die Wahrheit über theologische Zusammenhänge zu erkennen und stattdessen zusieht, wie sie sich gegenseitig vorwerfen, vom Satan besessen zu sein. Peinlich. Echt! Ich habe in meinem Glaubensleben unzählige solcher Stories erlebt und genau deswegen hinterfrage ich diesen Glauben und sage: dieser Gott existiert nicht.

Mit Menschen hat das nichts zu tun, denn Menschen haben keinen Vorteil davon, an Zungenrede zu glauben, den Toronto-Segen, Kinder- oder Erwachsenentaufe und weiß ich, um was sich Christen alles belangloses streiten. Hinter diesen Glaubensrichtungen stehen Menschen, die ihren Gott suchen und ihre Ansicht sicher sofort ändern würden, wenn er mal ein Gebet um Klarheit erhören würde. Tut er aber nicht. Da er es jedoch verheißen hat, bleibt mir nur die Schlussfolgerung: er existiert nicht.

Hast du deinen Glauben ritualisiert?

Auch eine typische Frage, die man gemeinerweise gerade denen stellt, die sich doch in ihrem Leben sichtbar für Gott eingesetzt haben: Jeden Tag Stille Zeit, aha. Hattest du wirklich eine Beziehung zu Gott, oder hast du nur Rituale befolgt?

Bei dieser Frage kann ich persönlich echt an die Decke gehen. Da steht man jahrelang früher auf, betet, hält sein Leben sauber, liest Bibel. Dann kommen irgendwelche oberklugen Typen und stellen alles in Frage im Sinne von:

Lieber NiMeChri, du hast ja toll beschrieben, wie sehr du Bibel gelesen hast und gebetet hast. Aber hattest du wirklich auch eine Beziehung zu Gott? Es kommt doch nicht auf das Bibellesen an, sondern auf Gott. Es ist auch nicht wichtig, dass du krampfhaft jeden Tag Stille Zeit hälst. Die Beziehung zu Gott ist wichtig. Schau dir doch mal an, wie entspannt mein Glaubensleben ist. Du musst nicht jeden Tag früher aufstehen, um Stille Zeit zu halten.

Natürlich muss ich nicht jeden Tag früher aufstehen. Aber ich habe es getan. Und ich habe mich wohl dabei gefühlt und ich habe es für meinen Gott getan. Das letzte, worauf ich nun Lust habe, ist, mich deswegen von jemandem hinterfragen zu lassen, der das nicht tut.

Wie Banane muss man eigentlich sein, damit man so ein Argument zieht?

Hast du nicht damals schon diese Zweifel gehabt?

Auch eine echt fiese Frage: Du hast doch schon immer irgendwie etwas gezweifelt, oder? Dann ist es ja irgendwie, ein Stückweit ja auch kein Wunder, dass es so gekommen ist.

Super. Wer bitte hat noch nie gezweifelt? Jeder Christ zweifelt von Zeit zu Zeit. Selbst Petrus in Matthäus 26. Darum will ich mir das Folgende nicht anhören müssen:

Lieber NiMeChri, ich habe nun verstanden, dass du viele Fragen an die Bibel hast. Und du hast Recht. Es gibt tatsächlich einige merkwürdige Stellen. Aber hast du dich nicht zuviel in deine Zweifel hineingesteigert? Du musst auf Gott sehen. Außerdem hast du doch schon immer Zweifel gehabt. Wahrscheinlich warst du überhaupt niemals wirklich richtig gläubig und hast dir nur etwas vorgemacht.

Was soll man zu so einer Frage noch sagen? Man kann dazu nichts sagen. Sie ist ja auch extra so gestellt, dass man dazu nichts mehr sagen soll. Sie soll überführen und ein Argument in den Raum stellen, dem man nichts entgegensetzen kann. Hierzu passt schön die Elefanten-Geschichte beim Thema Weisheit.

Hast du aus dir heraus gelebt?

Das ist auch prima: Bestimmt hast du nicht aus Gott, sondern aus dir heraus gelebt, oder? Das ist eine typische alles-und-nichts-Formulierung.

Lieber NiMeChri, du hast nun soviel davon geredet, dass du Gott gesucht hast. Aber du musst Gott gar nicht suchen. Er ist immer da. Du musst nur aus ihm heraus leben. Du selbst kannst gar nichts tun. Anstatt dich so sehr anzustrengen, hättest du dich entspannen sollen und vertrauen.

Entspannen und vertrauen. Bestimmt haben das die ersten Christen auch getan, als sie für ihren Glauben hingerichtet wurden. Leute, die diese Frage stellen, würde ich am liebsten mal in ein fremdes Land mit einer militanten anderen Religion beamen und mal schauen, wie lange sie dort entspannt ihrem Gott vertrauen. Ob sie sich wirklich verfolgen und verprügeln lassen würden, denn das passiert auf dieser Welt. Nicht überall herrscht unser Friede-Freude-Eierkuchen-Christentum.

Jeder lebt in meinen Augen ein Stück aus sich heraus. Das macht uns zu Individuen. Es gehört zum Leben dazu. Für mich handelt es sich um eine typische Horoskop-Formulierung: jeder fühlt sich bei dieser Frage angesprochen. Darum sollte man sie einfach abprallen lassen und meine Seiten mit dem Du-musst-machen/Gott-muss-machen-Prinzip lesen.

Warst du wirklich sicher, dass du wiedergeboren bist?

Das ist so ziemlich eine der schwierigsten Fragen, die man gestellt bekommen kann:

Lieber NiMeChri, deine Geschichte macht mich ja wirklich betroffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du wirklich ein wiedergeborener Christ warst. Wahrscheinlich hast du dich niemals richtig bekehrt. Wenn du eine richtige Lebensübergabe gemacht hättest, wäre es sicher ganz anders gelaufen.

Na prima. Nun sind wir bei der Henne und dem Ei. Wenn man seinen Glauben verloren hat, kann man tun was man möchte. Es wird einem niemand mehr glauben, dass man mal richtig glaubte.

Man hat als Aussteiger auch gar keine Argumentationsbasis mehr. Alles was man früher mal glaubte, glaubt man heute nicht mehr. Wenn man damals eine Lebensübergabe gesprochen hat, ist die heute genauso sinnlos, als wenn man sich stattdessen den Hammer hätte auf den Fuß fallen lassen. Man hat auch damals bei der Bekehrung kein Zertifikat erhalten: "Ordnungsgemäß bekehrter Christ nach DIN 777 - Jesus geprüft."

Wer seinen Glauben aufgibt, wird niemals beweisen können, dass er es mal ernst gemeint hat. Man kann auch sagen was man will, es wird einem niemals geglaubt werden. Eine Diskussion auf dieser Ebene führt absolut nirgendwohin. Am besten sofort beenden oder das Thema wechseln.

Hast du in Sünde gelebt?

Wenn du Gott nicht näher kommst, hast du bestimmt in Sünde gelebt! Welch eine tolle Schlussfolgerung.

Lieber NiMeChri, gibt es da nicht eine dunkle Ecke in deinem Leben? Hast du vielleicht in Sünde gelebt? Oder hast du in bestimmten Bereichen deines Lebens keine Vergebung angenommen? Dann darfst du dich nicht wundern, wenn die Beziehung zu Gott darunter leidet.

Geil. Das ist alles, was mir dazu einfällt. Was bedeutet denn "in Sünde gelebt"?

Es handelt sich hier um eine sehr dehnbare Formulierung. Und die wird bei Nicht-Mehr-Christen auch sehr gern überdehnt. Plötzlich zählt nämlich schon jedes "kleine" schlechte Gewissen als Sünde. Fast alle Männer und viele Frauen tragen ständig das Päckchen Selbstbefriedigung mit sich herum und wissen nicht, wie sie damit umzugehen haben, weil es nämlich trotz anders lautender Seelsorgermeinung ein ständig schlechtes Gewissen verursacht.

Aber Sünde meint nicht nur sexuelles. Sünde kann so ziemlich alles und nichts sein. Auch eine schlechte Beziehung zu Kollegen oder Eltern. Oder was auch immer. Muss ich mich dazu vor jemandem rechtfertigen, der meine Situation nicht kennt? Nein!

Hast du im Namen Jesu gebetet?

Oh toll, ein Geheimrezept. Du musst im Namen Jesu beten. Gebete im Namen Jesu erhört Gott also mehr als Gebete einfach so. Dazu will ich gar nicht mehr schreiben.

Hast du nichts mit Gott erlebt?

Wenn man die Bibel nicht mehr versteht, fragt man halt nach den Erlebnissen mit Gott.

Lieber NiMeChri, ja du hast Recht. Die Bibel enthält einige Dinge, die auch ich nicht verstehe. Aber wir müssen nicht alles verstehen. Wir glauben doch an einen ewigen und lebendigen Gott. Du hast doch auch etwas mit Gott erlebt, oder? Warum erinnerst du dich daran jetzt nicht?

Das ist so ziemlich die dümmste Argumentation, die ich jemals gehört habe. Blöderweise ist es aber auch die, die einem am meisten nachgeht. Jeder Mensch hat im Lauf seines Leben irgendetwas "mit Gott erlebt".

Aber - und das ist ganz wichtig. Auch andere Religionen erleben etwas mit ihrem Gott. Aber auch esoterische Glaubensrichtungen erleben etwas mit ihrem Glauben. Schon mal mit eingefleischten Astrologen gesprochen? Es ist die Besonderheit jedes Glaubens, dass man damit etwas erlebt. Viele Menschen erleben große Zufälle durch ihren Glauben. Auch Moslems tun das. Aber auch Geisterheiler haben Erfolge.

Ich kann doch nicht einfach irgendeine unerklärliche Situation nehmen und mir damit dann einreden, dass es Gott geben muss. Spätestens wenn andere Glaubensrichtungen, die meiner eigenen Glaubensüberzeugung völlig entgegenstehen das Gleiche tun, muss ich doch misstrauisch werden. Es handelt sich hier um einen typischen Zirkelschluss.

Selbst Jesus hat so etwas gemacht: Einerseits sieht er Wunder als seine Bestätigung als Messias an und andererseits bestätigt er, dass andere auch Wunder tun. Wer auf solche Beweise vertraut, belügt sich selbst.

Wolltest du in sexueller Freiheit leben?

Na klar, daran liegt es. Du wolltest Sex ohne Heiraten, oder?

Ich bin immer wieder verblüfft, wie merkwürdig Christen argumentieren, wenn es um Sex geht.

Lieber NiMeChri, mir ist jetzt alles klar. Du willst One-Night-Stands haben, dich mit Prostituierten einlassen, Pornoheftchen kaufen oder sogar -videos. Du bist für Sex unter Männern und wahrscheinlich auch mit Tieren. Wahrscheinlich stehst du auch auf Kinder. Und du willst auch deine Frau und Kinder verlassen und dir eine jüngere suchen. Das ist alles Sodom und Gomorrha.

Ich habe festgestellt: je braver ein Christ lebt, desto größer ist seine Fantasie, wenn er/sie mit mir über Sex redet.

Ohne hier meine Sex-Kapitel nochmal wiederholen zu wollen. Ich stelle immer wieder klar, dass die Sex-Gebote (kein Sex vor der Ehe, keine Homosexualität, keine Wiederheirat nach Scheidung) nur Sinn machen, wenn dieser Glaube wahr ist und es wirklich einen Gott gibt, der auf diese Gebote Wert legt. Interessanterweise wird mir hier gern das Wort im Mund herumgedreht und ich werde als Sex-Monster dargestellt, das sich Gottes Geboten nicht unterwerfen will.

Wenn es Gott gibt, sind seine Gebote zu halten. Und wenn mich jemand davon überzeugt, halte ich diese Gebote auch. Wenn es diesen Gott allerdings nicht gibt, muss auch mal gesagt werden können, dass diese Gebote mindestens so pervers sind, wie viele Sexpraktiken und dass die Sex-Gebote des christlichen Glaubens - so wie ich ihn erlebt habe - Menschen psychisch krank machen können.

Mit meinem eigenen Sexualleben hat dies alles nichts zu tun, ganz abgesehen davon, dass es auch niemanden etwas angeht.

Warum hörst du nicht mit Bibellesen auf?

Bestimmte Argumentationen machen selbst mich sprachlos. So auch diese hier:

Lieber NiMeChri, wenn du solche Probleme mit Unstimmigkeiten in der Bibel hast. Warum hörst du dann nicht einfach auf mit Bibel lesen?

Gut. Solche Fragen stellen nur Charismaten oder NoNiLaChris (noch-nicht-lange-Christen).

Ob es uns passt oder nicht: der christliche Glaube wird definiert durch die Bibel. Ohne Bibel - kein christlicher Glaube. Ohne Bibel - nur Chaos. Ohne Bibel - glaubt jeder, was er möchte.

Es mag Kirchen wie die evangelische Landeskirche geben, die - so wie ich sie erlebe - eigentlich keine Bibel mehr benötigt. Sie braucht lediglich noch einige fromme Sprüche und hat sich meiner Ansicht nach schon lange in einen man-müsste-mal-/wir-haben-uns-alle-lieb-Glauben verabschiedet. Ich bin überzeugt, Luther würde seiner Kirche heute ein ganzes Buch voller Thesen an die Tür nageln.

Der christliche Glaube ist nicht "einfach". Der christliche Glaube fordert eine christliche Lebensweise. Und die Eckpunkte dieser Lebensweise werden durch die Bibel definiert. Das war meine Glaubensbasis und eine bessere habe ich nie gefunden.

Wer mit dem Bibellesen aufhört, weil ihm die Bibel zu viele Unstimmigkeiten hat, der springt in ein Planschbecken allgemeiner Religiosität in dem alles erlaubt oder verboten ist, was einem gerade einfällt. Was auch immer da herauskommt, christlich ist es dann nicht mehr.

Wie geht man als Aussteiger-Christ mit diesen Argumenten um?

Indem man einfach mal nachdenkt.

Während meiner Zeit als aktiver Christ hätte mich niemand wirklich mit Argumenten davon überzeugen können, dass der christliche Gott nicht existiert. Ich hatte eine zu tiefe emotinale Bindung zu meinen Glauben und meinem Gott. Und das wird auch hier so sein. Darum zunächst mal: alle anti-missionarischen Beweggründe aufgeben. Wenn jemand ehrliche Fragen hat, kann man sie beantworten. Wenn es allerdings nur in einer psychologischen Fragestunde endet, die das Ziel hat, dem Nicht-Mehr-Christ ein Problem anzudichten - das Gespräch beenden oder das Thema wechseln.

Man kann auch prima mit Christen befreundet sein, ohne ständig über den Glauben zu sprechen. Es geht wirklich.

Bei einem Gespräch sollten sich beide Seiten bewusst sein, dass sie den anderen nicht überzeugen können. Aber auch, dass Gespräche über den Glauben immer mit starken Emotionen verbunden sind. Darum: von beiden Seiten freundlich bleiben und nicht erwarten, dass der jeweils andere sich zur eigenen Meinung "bekehrt".

Update 18. Juli 2010 - Heike mit dem Namen Michael ist nicht wirklich überzeugt

Ich bin froh, dass ich letztens die Unterseite hier erstellt habe. Heute kam eine Mail vom Absender "Heike", unterschrieben von "Michael", die genau hier hineingehört. Hier ein Auszug. Hervorhebungen von mir:

Besonders hat mich das Schlusswort interessiert, ob ich jetzt ein Beispiel gefunden hätte, dass ein wiedergeborener Christ verloren gehen kann. Das, was Du schreibst, hat mich aber nicht überzeugt. Ich hätte erwartet, dass Du Deine "Bekehrungsgeschichte" erzählen würdest, wie Du Jesus gebeten hattest, Dich zu retten. Mir selber bleibt nur genau dieses, um Dir gegenüber zu bezeugen, dass ich gerettet bin, denn ich bin nie auf einer Bibelschule gewesen geschweige denn Klassensprecher dort.

Deine Begründung hat mich nicht wirklich überzeugt, weil sie mich an Lebensberichte erinnert, wo Leute bekennen, ein ähnlich angesehenes Leben geführt zu haben und trotzdem nachher zur Erkenntnis gekommen sind, dass sie noch gar nicht errettet waren. Das haben sie aber dann nachgeholt (z.B. Keith Green, "Kompromisslos", Hänssler 2006, S. 225: "Gott hat mir heute Abend gezeigt, dass ich in Wirklichkeit gar kein Christ bin.") Warst Du Dir wirklich sicher, dass der Sohn Gottes mit seinem Blut für Dich bezahlt hat, Dich gerechtfertigt hat und zu einem Kind Gottes gemacht hat? Ehrlich?

8 Jahre lang war ich Christ und immer in missionarisch orientieren Gruppen. 2 Jahre war ich auf der Bibelschule eines großen international tätigen Missionswerks und hatte nahezu täglich von Lehrern Unterricht, die selbst als Evangelisten unterwegs waren. Und er fragt mich, ob ich wirklich sicher war, dass der Sohn Gottes mit seinem Blut für mich bezahlt hat. Wenn ich dort wohl eins mitbekommen habe, dann, was eine Bekehrung, eine Lebensübergabe und was ein wiedergeborener Christ ist. Trotzdem danke für den Buchtipp.

Klar, hat ihn mein Schlusswort nicht überzeugt. Wie soll es ihn auch überzeugen? Schließlich ist es seine Überzeugung, dass ein Christ nicht verlorengehen kann. Da diese Überzeugung für ihn bereits als feste Größe zementiert ist, bleibe ja nur noch ich, an dem es liegen kann. Solche Diskussionen zu führen, ist völlig sinnlos.

Würde ich ihm antworten, bekäme ich sofort die nächste Mail mit weiteren Dingen, die ihn nicht wirklich überzeugt haben. Sei nicht traurig, Heike, Marianne, Michael oder wie du sonst heißen magst. Du darfst Christ sein. Ich habe nichts dagegen. Aber lass uns die gegenseitige Analyse hier beenden.

Update 20. August 2010 - Gerd nennt mich "Bruder"

Diese Woche - kurz vor Fertigstellung des Forums - erreicht mich eine halbanonyme Mail von Gerd. Er unterschreibt nur mit "Dein Bruder", hat aber dankenswerterweise seinen Namen in seiner E-Mail-Adresse. Seine Mail ist unendlich lang, aber sehr freundlich. Wir schauen uns hier nur Anfang und Ende an:

Hallo Bruder!

Ich rede dich so an – obwohl es dich ärgern wird, weil du eine sehr entschiedene Haltung dagegen eingenommen hast, aber dieses Ärgern macht mir nichts -, weil deine ganze Internet-Öffentlichkeit ein einziger Ruf ist: „Bitte überzeugt mich, dass ich mit meiner Ablehnung falsch liege!“ – und Jesus dich noch lange nicht vom Haken gelassen hat!!!

Ich bin sehr flexibel und weiß, dass Christen niemals aufgeben. Jedenfalls manche :-) Darum ärgert mich diese Anrede nicht. Überzeugen kann mich nur dieser Gott selbst. Ich habe nichts gegen diesen Gott und komme gern zurück. Aber ich jage kein Phantom mehr.

Könnte übrigens dein Internetauftritt auch, so ging mir zwischenzeitig durch den Kopf, ein Feldversuch sein, wie bekehrungseifrige missionarisch gesinnte Christen auf eine solche Apologie des Atheismus reagieren. Würde, falls ich damit richtig liege, mich interessieren, wie deine Ergebnisse so sind, nachdem ich vor habe, mir mit dieser Email Mühe zu geben J .

Nein. Es handelt sich einfach nur um meine Gedanken, die irgendwann raus mussten.

Doch auf dieser Unterseite geht es ja speziell um diese Fragen, mit denen Christen uns Nicht-Mehr-Christen immer wieder in Verlegenheit bringen möchten. Und darum durfte der folgende Abschnitt in Gerds Mail natürlich nicht fehlen:

Falls Du jetzt noch da bist, hier mein wichtigster Punkt: Kennst du Jesus eigentlich?

Vermutlich ja nicht! Sonst würdest du ihn ja nicht leugnen, mit einem so verräterisch großen Aufwand allerdings!

Allerdings habe ich bei all deinen Aufzählungen, was dir an der Zeit deines christlichen Lebens gefallen hat und dir wichtig, wert und teuer war, niemals gelesen, dass es dabei um ihn ging. Hast du eigentlich immer nur die respektablen Werte christlicher Gemeinschaft kennengelernt , aber ihn selbst nie? Hast du nie erlebt, dass er dich tröstet, wenn du getrauert hast, zum Beispiel in der Geschichte mit der Frau, die du liebtest, die jedoch vor dir erst einmal Heilung brauchte?

Hast du jemals erlebt, wie das ist, dass er Frieden und Ruhe schenkt, mitten in Zeiten innerer Zerrissenheit? Hast du erlebt, dass er dich über deine Fehler und Macken hinweg mit Wertschätzung betrachtet, weil ihm die Überwindung all deiner Unvollkommenheit teuer gewesen ist? Hast du vielleicht auch erlebt, dass er genug ist und dich am Leben erhält, auch wenn du durch die Dürre tiefer Enttäuschungen hindurch musstest – weil er weiß, was er dir zumuten kann?

Ich habe seinen Namen bei dir, wenn überhaupt, dann nur am Rande – „marginal“ – gelesen. Wenn das deinen damaligen Glauben wirklich kennzeichnet, dann hast du das wichtigste verpasst! Ich habe bei deiner Gegenüberstellung jenes schwedischen Tanzevents oder so ähnlich und der christlichen Gemeinschaften, die du kennen gelernt hast, empfunden, dass du den Widerschein mit der Lichtquelle verwechselt hast. Es ist gut und wichtig und im Willen Gottes, dass sich Jesus in seiner Gemeinde auswirkt. Aber wichtig ist ER SELBST! Wichtig ist, dass er deinen Mangel ausfüllen darf. Dass du ihn kennst.

Auf die Frage "Kennst du Jesus eigentlich", muss ich am Ende dieser Seite nicht mehr eingehen. Ich bin heute davon überzeugt, dass Jesus nicht mehr lebt. Im Gegensatz zu damals, als ich noch gläubig war, halte ich ihn heute nicht mehr für erwähnenswert. Aus meinem Geschriebenen von heute auf meinen Glauben von damals schließen zu wollen, geht eben nicht.

Während Gerd positive Berichte über meine christliche Zeit vermisst, haben sich bei mir Mitglieder eines Esoterikforums bedankt, dass ich ihnen einen so ausführlichen Einblick in die Gedanken eines Christen gegeben habe und man meiner Seite anmerken würde, dass ich etwas für mich sehr wertvolles verloren habe. Es würde ihnen helfen, das manchmal so unlogisch sture Festhalten am christlichen Glauben, selbst von gebildeten Menschen zu verstehen, die es doch eigentlich besser wissen müssten. Einer hat sogar begonnen, meine Seite auf Fehler Korrektur zu lesen.

Und letzte Woche besuchte mich Kevin. Einer meiner Leser. Er las meine Seite innerhalb weniger Tage ganz durch. Nun lesen sie Freunde von ihm. Du beschreibst ganz genau, wie es ist. Ich hab immer wieder geschmunzelt und genickt. Sagte er.

Ich kann es nur immer wieder schreiben: Christen und NichtMehrChristen befinden sich auf zwei verschiedenen Seiten eines Abgrunds. Wir können miteinander sprechen. Wir können zueinander freundlich sein. Aber wir haben in Glaubensfragen einen Graben zwischen uns, den wir nicht überbrücken können.


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