Matthäus 2, 16-18:
Herodes ... befahl in und um Bethlehem alle Kinder bis zwei Jahre zu töten. Diese Zeitspanne hatte er von den Sterndeutern. So traf ein, was der Prophet Jeremia vorausgesagt hatte:In Rama hört man Klagen und Weinen. Rahel weint um ihre Kinder und lässt sich nicht trösten. Alle wurden ihr weggenommen.
(Jeremia 31,15)
Tatsächlich. Diese von Matthäus zitierte Bibelstelle steht wirklich so im Alten Testament. Wie schön rund ist doch die Welt. Doch beschäftigen wir uns zunächst einmal mit jüdischer Geschichte:
Es waren einmal zwölf Stämme Israels. Diese bildeten zusammen ein Volk und das nannte man zweckmäßigerweise nach ihrem Vater Israel. Soweit alles schön bis zum Jahr 931 v. Chr. Dann teilte sich nämlich dieses Volk wegen Fehlentscheidungen des damaligen Königs. Ab sofort gab es ein Nordreich und ein Südreich. Das Nordreich bestand aus 10½ Stämmen. Das Südreich nur aus 1½, nämlich aus Juda und der Hälfte von Benjamin.
Nun wird es unübersichtlich in der Bibel. Denn ab diesem Moment nennt das Alte Testament das Nordreich Israel oder Ephraim (der größte Stamm des Nordreichs). Das Südreich wurde als Juda bezeichnet.
721 v. Chr. wurde nun das Nordreich von den Assyrern verschleppt. Ab diesem Moment gab es nur noch Südreich. Auch das wurde 586 v. Chr. verschleppt - allerdings von den Babyloniern. Während das Nordreich in der Verschleppung seine Identität als Volk Israel aufgegeben hat, hat das Südreich daran festgehalten. Was wir heute als Israel kennen, ist daher nur noch Südreich. Die 10½ Stämme des Nordreichs sind verloren. Und so leitet sich der Name Juden vom Stamm Juda ab - dem größeren Stamm des Südreichs.
Das, was David noch als Volk Israel gekannt hat, gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Juda und die paar Leute aus Benjamin. Das ist so, als ob nach einem Krieg von Deutschland nur noch die Bayern übriggeblieben wären. Auch wenn sie sich danach wieder Deutschland nennen würden, würde das nichts daran ändern, dass das ursprünglich einmal aus vielen Bundesländern zusammengesetzte Deutschland nun nur noch aus Menschen von Bayern bestünde.
Gut. Ich hab nicht viel mit Bayern am Hut und uns wäre das egal. Aber für ein Volk wie das biblische Israel war das eine Katastrophe. Erinnern wir uns: wenn jemand ohne Nachkommen starb, musste sogar sein Bruder mit dessen Ehefrau schlafen, um quasi nachträglich Nachkommen zu zeugen, damit die Linie des verstorbenen Bruders nicht ausstirbt. Das war die Denke der Menschen im damaligen Israel und das sollten wir nicht aus den Augen verlieren. 10½ Stämme von zwölfen waren verloren. Das war ein unfassbares Unglück.
Jeremia wirkte von 627 - 587 v. Chr - begann seinen Dienst also etwa 100 Jahre, nachdem das Nordreich verschleppt worden ist. Das ist ein langer Zeitraum, aber Sie werden mir Recht geben, dass für ein Volk wie das biblische Israel die Tatsache, dass ein Großteil Ihrer Brüder und Schwestern (auch wenn sie mit ihnen im Clinch gelegen haben mögen) verschleppt wurde, ganz sicher in Erinnerung geblieben wäre.
Stellen Sie sich vor, Ost-Deutschland wäre 1950 von den Russen verschleppt worden. Würden wir 2050 noch etwas davon wissen? Ganz sicher. Eine ähnliche Situation haben wir hier mit Israel. Zumal Israel seine Geschichte in seinen heiligen Schriften niedergeschrieben hatte.
Jeremia wirkte in einer Zeit, in der die Babylonier die Assyrer im Orient als stäkste Macht ablösten. Wir erinnern uns: die Assyrer eroberten das Nordreich und verschleppten es. Dann wurden die Assyrer von den Babyloniern erobert und die verschleppten das Südreich gleich mit. In diese Zeit hinein - um 600 v. Chr. - spricht Jeremia.
Rahel war eine Frau von Jakob, den man später Israel nannte - der Vater der zwölf Stämme Israels. Sie lebte mehr als 1000 Jahre vor Jeremia. Die beiden kannten sich also sicher nicht persönlich und wenn Jermia über Rahel schreibt, kann er das nur im übertragenen Sinn meinen. Rama ist ein Ort nordöstlich des Sees Genezareth und lag im Gebiet des Nordreichs.
Wenn in dieser Bibelstelle Rahel um Ihre Kinder weint, dann sollten wir uns vielleicht doch nochmal die damalige Situation in Erinnerung rufen. Rahel war quasi die Mutter der 12 Stämme Israels. 10½ Stämme waren vor nicht mal 100 Jahren komplett verschleppt worden.
Ich hab nichts gegen Russen, aber ich will einfach mal ein Beispiel machen: Es ist so, als ob von Deutschland nur Bayern und ein paar Leute von Baden-Württemberg von den Russen übriggelassen wurden.
Nun kommen die Chinesen, erobern die Russen und stehen von mir aus schon in Polen. Es ist absehbar, dass sie die Russen komplett verdrängen werden und dann auch vor Rest-Deutschland (Bayern und Baden-Württemberg) nicht halt machen.
Jeremia ist ein Prophet des Südreichs. Er predigt also meinem Beispiel zufolge in Bayern. Stellen Sie sich doch mal die Angst vor, unter der ein solches übriggebliebenes Volk angesichts einer solchen Gefahr zu leiden hat.
Wenn Rahel in dieser Situation um ihre Kinder weint, dann weint sie nicht um Kleinkinder. Sie weint bildlich um ihre 12 Stämme Israels. Und wenn sie das in Rama tut - im Nordreich - dann deshalb, weil die dortigen 10½ Stämme schon komplett verschleppt wurden. Das ist zumindest meine Ansicht.
Der von Matthäus zitierte Bibeltext aus der Einleitung, steht in Jeremia 31. Und worum dreht sich Jeremia 31? Es dreht sich darum, dass die Verschleppten aus dem Nordreich evtl. wieder heimkehren dürfen. Jeremia wirkte eigentlich im Südreich. Es könnte also sein, dass es sich hier um eine Nachricht handelt, die eine ähnliche Power hatte, wie unsere deutsche Geschichte mit der Wiedervereinigung. Wer sie erlebt hat, weiß was ich meine.
Lesen Sie doch einmal Jeremia 31 vom Anfang bis von mir aus Vers 20 durch. Ich will ja niemanden überfordern.
Mitten drin in diesem Text, der über das Nordreich handelt, steht nun unsere fragliche Prophezeihung vom Kindermord. Lesen Sie diesen Text mit ihrem neu erworbenen Wissen über die Geschichte des Volkes Gottes und dann sagen Sie mir bitte, wo hier eine Prophezeihung für einen Kindermord zur Zeit Jesu zu finden ist. Jesus lebte nämlich ca. 600 Jahre später.
In diesem Text verheißt Jeremia dem Nordreich die Rückkehr aus Assyrien. Nach dem, was ich noch in der Bibelschule gelernt habe, hat es diese Rückkehr nie gegeben. Die Samariter sind das, was vom Nordreich zur Zeit Jesu übriggeblieben war: identitätsloser religiöser Abschaum. Gerade gut genug, um sie als die von allen Verachteten in eins seiner Gleichnisse einzubauen. Jesus verwendete den Samariter, weil es nichts gab, das niedriger angesehen war, als sie.
Und abschließend lassen Sie mich vielleicht den Folgevers unserer Prophezeihung mal mitlesen: Jeremia 31,15-16:
In Rama hört man Klagen und Weinen. Rahel weint um ihre Kinder und lässt sich nicht trösten. Alle wurden ihr weggenommen.Doch JHWH sagt: Lass das Klagen und Weinen, du hast deine Kinder nicht umsonst großgezogen. Sie kehren aus dem Land deiner Feinde zurück. Es gibt Hoffnung. Deine Kinder kehren in ihre Heimat zurück. Ich JHWH sage es.
Matthäus hat sich irgendeine alttestamentliche Bibelstelle genommen, sie völlig vom Zusammenhang und seiner Geschichte befreit und sie dann zur erfüllten Prophetie ernannt. Kein Pastor den ich kenne, würde so mit der Bibel umgehen.
Diese Bibelstelle hat mit dem Kindermord um Bethlehem nichts zu tun. Rama liegt im Nordreich in der Nähe des Sees Genezareth. Bethlehem läge im Südreich, bei Jerusalem, wobei es beides zur Zeit Jesu nicht mehr gab.
Jeremia spricht von verschleppten Kindern des Nordreichs, die wieder zurückkehren werden. Matthäus spricht 600 Jahre später von ermordeten Kindern im ehemaligen Südreich, die sicher nicht wieder heimkommen.
Diese Bibelstellen haben absolut nichts miteinander zu tun. Wer die Bibel so auslegen möchte, darf das tun. Von Wahrheit ist das allerdings weit entfernt.
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