Was bewegt Christen zum Ausstieg?
Wir haben im letzten Abschnitt über viele positive Dinge des christlichen Glaubens gesprochen, aber...
Das Positive an christlichen Gemeinden kann schnell ins Gegenteil umschlagen. Denn bei aller Wichigkeit, die man Gott und der Bibel gibt, stehen Menschen dahinter. Und was ich oben gerade so romatisch ausgemalt habe, kann plötzlich kippen. Sei es durch neue Gemeindemitglieder, sei es durch Wohnortwechsel, Pastorenwechsel oder was auch immer.
In konservativen christlichen Gemeinden herrschen tendenziell auch sehr konservative Wertvorstellungen. Man ist gegen Sex vor der Ehe oder Homosexualität und gegen Wiederheirat nach Scheidungen. In einigen Gemeinden schließt man Mitglieder aus, die eine Liebesbeziehung zu einem Nicht-Christen pflegen.
Je nach Gemeindeform hat die Frau mehr oder weniger zu sagen, darf manchmal keine Hosen anziehen oder muss beim Beten ein Kopftuch tragen. Einige Eltern sind der Meinung, dass ihre Kinder sie gefälligst ehren müssen. Manche Väter fordern für sich besondere Rechte als Haupt der Familie ein. Andere verteufeln Alkohol, Zigartten oder sogar das Fernsehen. Dazu gibt es jede Menge mehr oder weniger nachvollziehbare biblische Begründungen.
Du siehst: es gibt auch einen Gegenpol zur leuchtenden perfekten christlichen Welt. Kinder aus solchen stressigen Elternhäusern zeigen sich darum manchmal unbeeindruckt gegenüber den christlichen Vorzügen und wirken gelegentlich etwas rebellisch.
Manchmal gibt es Konflikte zwischen Älteren und Jüngeren - und sei es nur wegen der Gottesdienstgestaltung (Welche Lieder singen wir? Darf eine Band spielen? Wenn ja, wie laut?) Gelegentlich sind Jugendliche den Älteren auch etwas zu jugendlich und es wird versucht irgendwie gegenzusteuern, um eine gefühlte Moral wieder aufzurichten.
Und schließlich muss man noch erwähnen, dass es nicht die bibeltreue christliche Glaubensrichtung gibt. Zahlreiche Konfessionen ringen um die korrekte Auslegung von Gottes Wort. Ob Kindertaufe, Frau in der Gemeinde, Sex oder auch abstraktere Themen wie Geistesgaben oder tausendjähriges Reich - einige Christen finden immer etwas, um sich zu streiten. Einigkeit, dass man ja doch irgendwie im Kern das gleiche glaubt und nur in untergeordneten Themen verschiedener Meinung ist, besteht eigentlich nur gegenüber Außenstehenden. Und manchmal auch nicht gegenüber denen. Es gibt mitunter unüberwindliche Spaltungen in christlichen Gemeinden. Wer immer brav in seiner Bucht des rechten Glaubens schwimmt, wird das nicht feststellen. Wer sich aber mal etwas über den Tellerrand hinaustraut, dem werden die Wogen der unterschiedlichen Konfessionen schnell hart ins Gesicht schlagen. Auch das erträgt nicht jeder auf Dauer.
Außerdem finden sich in christlichen Gemeinden meistens auch einige im Leben gescheiterte Personen. Seien es ehemalige Trinker oder Drogensüchtige oder einfach Menschen, die es nicht leicht im Leben hatten oder krank sind. Eine frühere Hauskreisleiterin von mir ging auf eine Teilzeitstelle zurück, weil sie (kostenlos) half, einen Alzheimerkranken zu pflegen. Das ist sicher sehr ehrenwert, aber man kann sich vorstellen, dass man damit auch sehr schnell an seine persönlichen Grenzen kommt.
1992 leitete ich einen Jugendkreis. Meine damalige Freundin und ich freuten uns zunächst, als eine 15jährige aus unserem Jugenskreis mich besuchen kam. Zeigte dies doch ein gewisses Vertrauensverhältnis, das wir zu den Kids aufbauen konnten. Am nächsten Abend kam sie wieder. Und am darauffolgenden auch. Schnell stellten wir fest, dass wir als Ersatzeltern nicht geeignet waren. Auch später kam ich immer wieder in die Situation, dass Leute, denen ich eigentlich gern helfen wollte, mich quasi aussaugten. Man ist dann schneller ausgebrannt als man denkt und entwickelt zunächst Aggressionen und weil einem die ja als Christ nicht stehen später Depressionen. Ich sah mich hier öfter in einem großen Spannungsfeld zwischen Nächstenliebe und Selbstschutz und bin später einem gewissen Klientel an Menschen gleich von Anfang an aus dem Weg gegangen. Natürlich mit schlechtem Gewissen.
Durch die enge Verkettung von Moralvorstellungen verbunden mit der Tendenz, viel mehr übereinander zu wissen, als andere dies gewöhnlich tun, kann ein großer Druck entstehen. Ich hatte Freunde, die wegen Selbstbefriedigung Schuldgefühle hatten und mit mir beten wollten. Man mag sich nur mal die Peinlichkeit einer solchen Situation vorstellen und den Druck, unter dem diese Menschen stehen, wenn Sie glauben, sich damit jemandem anvertrauen zu müssen.
Einigen Leuten ist das fromme Leben aber einfach auch zu schmalzig. Ihnen geht das fromme Getue von Frieden und Liebe eher auf die Nerven. Eine Englängerin aus meinem Hauskreis zeigte mal auf ein Liederbuch von mir mit dem Titel Times Of Refreshing. Sie meinte zu mir, wir Deutschen könnten das nur ertragen, weil Englisch nicht unsere Muttersprache sei. Gut - die deutschen Texte waren auch nicht besser. Wir sangen sie trotzdem. Wenn die Musik schön ist, erträgt man auch die Texte. Wenn ich sie heute lese, muss ich allerdings manchmal schlucken.
Wenn ich es auf den Punkt bringen müsste, warum Leute christlichen Gemeinden den Rücken kehren, dann wäre es zum ersten Konflikte in der Gemeinde, zum zweiten die Moralvorstellungen, die man einfach nicht mehr ertragen will. Zum dritten möglicherweise ein Wohnortwechsel, nachdem man einfach keine neue Gemeinde finden kann, in der man Fuß fasst. Danach vielleicht einfach eine Art ich-hab-jetzt-die-Nase-voll-von-dem-ganzen-frommen-Scheiß-Gefühl. Und - auch wenn es eigentlich die Basis sein sollte - erst als letztes kommen die Glaubensbasics, die ich hier auf dieser Webseite hinterfrage.
