Wie erkenne ich den Willen Gottes
Ich glaube, dass es sich hierbei um den umstrittensten Bereich des christlichen Glaubens handelt. Ich verbrachte sehr viel Zeit auf der Suche nach dem Willen Gottes.
Bisher habe ich mich mit persönlichen Erlebnissen zurückzuhalten versucht. In diesem Bereich möchte ich meine Erfahrungen mit dem Willen Gottes und seinen Verwirrungen darstellen. Und ich will beginnen mit den besonders Frommen. Mit denen, zu denen Gott ständig zu sprechen scheint. Drehen wir die Uhr um 15 Jahre zurück in den Winter 1993.
Peter und der Wille Gottes
Peters Name habe ich geändert.
Dezember 1993 - Peters Traumfrau und Gottes Vorsehung
Wir waren damals 25 und 27 Jahre alt. Peter war schon ein Jahr auf der Bibelschule, als ich kam und wir verstanden uns sehr gut. Sein Zimmergenosse ging mit der nächsten Abschlussprüfung ab und wir hatten bereits beschlossen, danach zusammenzuziehen. Peter war kein unangenehm fromm daherredender Dummschwaller. Was er sagte, hatte Stil und half weiter. Das mochte ich an ihm.
Dann im Dezember 1993 redeten wir über Frauen. Gott hatte Peter seine zukünftige bereits gezeigt. Gott hatte sie ihm sogar versprochen. Peter war sich da so sicher, dass er keinen Zweifel daran zuließ. Gott hatte sie ihm versprochen und er wird es auch halten. Mich beeindruckten damals noch Menschen mit so klaren Visionen. Jedenfalls so lange, bis Peter auf die kleinen Unebenheiten auf dem Weg zu seiner Traumfrau zu sprechen kam:
Sie ist verlobt und nicht fromm
Gut. Peters zukünftige war bereits verlobt. Und gläubig ist sie auch nicht. Aber für einen ewigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat... - kein Problem. Das war Peters Ansicht und auch gleichzeitig der Moment, an dem ich Zweifel an meiner Einschätzung ihm gegenüber bekam. Vorsichtig wies ich ihn darauf hin: Eine Frau, die nicht gläubig und außerdem verlobt ist - das ist mehr als eine kleine Formalität, die es noch zu bewältigen galt.
Aber Peter war sich ganz sicher. Es gab keinen Zweifel.
Jahreswechsel 1993 - Peters Richtungswechsel
Unsere Bibelschule wurde in den Ferien zu einem christlichen Urlaubszentrum. Das bedeutet, alle Schüler mussten über Weihnachten ausziehen und kamen im neuen Jahr wieder. Peter durfte bleiben. Er hatte Praktikum, denn schließlich will der Urlaubsbetrieb ja auch irgendwie gemanaged werden. Und zu Peters Glück hatte auch ein Mädchen aus meinem Jahrgang über diese Weihnachten ihr Praktikum zu abolvieren. Nennen wir sie Susanne.
Um es kurz zu machen - die beiden verliebten sich. Soweit ja eigentlich eine schöne Sache. Gut. Da war die Sache mit dem Willen Gottes. Auch gut - es war noch keine drei Wochen her, dass sich Peter so sicher war, mit dieser verlobten anderen. Aber nun stand Susanne auf dem Programm.
Januar 1994 - Peters Verlobung ganz nach dem Willen Gottes
Ich staunte nicht schlecht, als Peter dann im Januar - als die Schule wieder begann - in einer der ersten Andachten seine Verlobung bekanntgab. Die Verlobung mit Susanne, dem Mädchen aus meinem Jahrgang.
Peter hielt quasi eine Predigt - oder war es ein Zeugnis. Wie wunderbar der Herr sie zusammenführte und wie stark ihre Gefühle füreinander seien. Es musste auch ganz klar Gottes Wille sein, denn alles ging von nun an wie automatisch. Selbst der Anzug für die Verlobung. Er war heruntergesetzt und passte wie angegossen. Sowas konnte kein Zufall sein.
Nur um das klarzustellen. Wir reden hier nicht von einem Besoffenen, der im Kreis seiner Saufkumpane irgendwelche Geschichten ablässt. Dies geschah im Rahmen einer Andacht, wie sie in Bibelschulen täglich gehalten wird. Quasi ein Mini-Gottesdienst. Peter verkündete hier seine abstrusen Meinungen vor etwa hundert verwirrt schauenden Schülern und Lehrern.
Sommer 1994 - Sie ist schwanger - auch das muss Gottes Wille sein
Ich bin nicht besonders stolz auf diese Meinung. Aber in konservativen christlichen Kreisen hielt man Sex vor der Ehe für Sünde. So auch an unserer Bibelschule. Wir hatten vorher darüber nie gesprochen, aber es würde mich wundern, wenn Peter diese Auffassung nicht auch geteilt hätte.
Doch das änderte sich schlagartig damit, dass Susanne plötzlich schwanger wurde. Die ganzen Gefühle. Sie sind so stark. Das muss Gottes Wille sein.
Auch das verkündete Peter in einer Andacht. Peters Zukünftige musste die Bibelschule verlassen. Es war also klar, dass dies kein Spaß mehr war. Nicht so für Peter. Er befand sich so grandlinig auf Gottes vorbestimmtem Weg - gradliniger ging es nicht mehr.
Der Wille Gottes und die Tassen im Schrank
Meine Beziehung zu Peter litt unter dieser Sache aber wir blieben Freunde. Bis er dann einem jugen Pärchen an unserer Schule den gleichen vorbestimmten Weg aufzeigte und eine kleine 20jährige Carmen mir plötzlich freudestrahlend verkündete, dass sie sich verloben wird. Wie lange seid ihr zusammen? Noch nicht mal einen Monat? Du hast mit Peter gesprochen, oder?
Mir platzte mir der Kragen. In der Kantine fand ich ihn, setzte mich zu ihm und legte los: ob er sich eigentlich auch seiner Verantwortung bewusst sei. Ich sagte ihm, dass er mal sehr klar über seine Auslegungen von Gottes Wille nachdenken sollte und dass ich auf keinen Fall - sollte ich jemals Kinder haben - diese von jemandem mit seinen Ansichten geprägt sehen wollte. Ich sagte ihm so deutlich die Meinung, dass sich unsere Freundschaft davon niemals wieder erholte.
Peter sagte nur immer wieder, dass er überhaupt gar nicht verstehen kann, was ich ihm sagen will. Der Herr hat halt zu ihm gesprochen. Naja und die Sache vom Dezember mit dieser anderen - da hatte sich Peter halt geirrt... (wohlgemerkt über ein paar Jahre, denn solange gab es diese Vision schon).
Das Verrückte an der Geschichte: Peter glaubte tatsächlich was er sagte. Und das noch Verrücktere: diese Leute kommen mit solch einer Nummer durch und verkünden ihr Leben lang das Märchen vom Willen Gottes.
Meine Erfahrungen mit Gottes Willen...
...sind andere. Wie man aus dem Kontext dieser Webseite vermuten kann, auch nicht besonders gute. Ich habe mich immer wieder von Leuten wie Peter beeindrucken lassen, bis ich irgendwann feststellte: je größer die Klappe, desto mehr Leichen im Keller. Oder - je gesegneter das Mundwerk, desto mehr sollte man sich das Leben seiner Vorbilder mal genau ansehen, bevor man ihnen folgt oder sie toll findet.
Ich werde in diesem Bereich einige Geschichten aus meinem Leben mit dem Willen Gottes erzählen. Das fällt mir nicht leicht, denn sowas ist immer peinlich.
Möglicherweise sind Sie auf diese Seiten gestoßen, weil Sie an einem Punkt sind, an dem Sie den Willen Gottes suchen. Ich kann nur davor warnen, aufgrund eines obskuren Glaubensgefühls irgendwelche abstrusen Entscheidungen zu treffen.
Denken Sie immer daran: in der Gemeinde finden Sie nur die Leute, bei denen diese Entscheidungen gut gegangen sind. Leute wie mich hört dort niemand mehr.
Peter ist heute vermutlich Pastor
Möglicherweise leitet er eine eigene Gemeinde und die Leute kommen zu ihm, um ihn nach Rat zu fragen. Ich habe schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm.
Wenn Sie ihn um Rat fragen, können sie sich vorstellen, welchen Rat Sie von ihm erhalten werden. Peter kann wunderbar und salbungsvoll sprechen. Ich bin froh, dass ich auf seinen Rat nicht angewiesen bin.
Update Juni 2010 - Peter bei Facebook
Die moderne Technik machts möglich: Peter ist nun bei Facebook. Ich war Pastor
, schreibt er dort. Nun ist er selbstständig
. Seine letzten Meldungen (zu lesen von unten nach oben):
- Peter hat seinen Beziehungsstatus von "es ist kompliziert" in "Single" geändert.
- Peter hat seinen Beziehungsstatus von "Single" zu "es ist kompliziert" geändert.
- Peter seinen Beziehungsstatus von "verheiratet" in "Single" geändert.
Ein besorgter Facebook-Freund äußert sich an Peters Pinnwand kritisch darüber, dass er von "Sanni" Unterhalt möchte, denn die hätte doch selbst kaum etwas. Peter ruft stattdessen dazu auf, ihm Fragen zu Gott zu stellen (dem er alle Ehre
gibt).
Diese Angaben aus Facebook sind für jeden sichtbar, denn Peter ist kein Facebook-Freund von mir.
Die Namen Peter und Susanne sowie den daraus abgeleiteten Kosenamen Sanni habe ich geändert. Ansonsten - eine wahre Geschichte.
Und trotz allem Ärger, den man aus dieser Seite herauslesen mag - sowas wünsche ich niemandem.
