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Zölibat und sexueller Missbrauch

Dieser Text entsteht im März 2010. Die Geschichte wird dieses Jahr möglicherweise einmal als das peinlichste der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert darstellen. Es kommt gerade ans Licht, dass unter dem Dach dieser Kirche sehr lange Zeit viele Kinder sexuell missbraucht wurden. Vieles davon wurde totgeschwiegen. Ich bin ehrlich: ich bin nicht überrascht. Auch wenn es zynisch klingen mag, ich wäre überrascht, wenn es anderes wäre.

Als bibeltreuer Christ habe ich für die römisch-katholische Kirche immer nur ein mitleidiges Lächeln übriggehabt. So viele Dinge laufen dort merkwürdig. Soviele Lügen hat es in der Vergangenheit gegeben. Und soviele Dinge gibt es, bei denen ich froh war, einer anderen Konfession anzugehören. Eins davon war das Zölibat. Ein anderes der Papst. Man muss sich das überlegen: da maßt sich ein Mensch an, direkt für Gott sprechen zu dürfen. Unfassbar.

Und wenn ich an den Papst denke, erinnere ich mich, dass die Katholen bis heute nicht mit anderen Christen das Abendmahl feiern. Wohl, weil sie sich immer noch als die einzigen wahren Christen definieren. Einen anderen Grund gäbe es dafür eigentlich nicht. Und dann fährt dieser Papst in die Dritte Welt und spricht dort - in einem Brennpunkt von Aids - gegen Verhütung und gegen Kondome. Ich bin sprachlos über eine solche Einstellung. Und es wurde Zeit, dass endlich ans Licht kommt, wie deren moralische Werte denn heute gelebt werden.

Man muss sich das mal reinziehen: da gibt es eine Kirche, die einen Papst hat, der angeblich die Nachfolge von Petrus antrat. Und diese Kirche verbietet ihren Priestern die Heirat. Spätestens wenn man sich überlegt, dass Jesus die Schwiegermutter von Petrus geheilt hat, könnte man ins Grübeln kommen. Petrus war also verheiratet. Warum ist es eigentlich der Papst nicht? Und warum dürfen die Priester nicht?

Um nicht missverstanden zu werden: ich habe große Hochachtung vor Menschen, die auf sexuellen Kontakt aus religiösen Gründen verzichten möchten. Aber Paulus stellte diesen Weg nur dann als den besseren dar, wenn man sich auch wirklich enthalten kann. Ansonsten soll man heiraten. Diesen Teil ignoriert die römisch-katholische Kirche lieber, ersetzt ihn stattdessen durch eigene Tradition und erwartet von Menschen in bestimmten Ämtern die Ehelosigkeit. Nun hat sie die Quittung erhalten. Und leider auch viele Kinder, die Opfer von nicht haltbaren Kirchengeboten wurden.

Ich habe in diesem Abschnitt offen über meine Sexualität gesprochen. Und ich will das auch gern weiter tun, weil man gegen derartig Lehren, wie sie diese Kirche vertritt nicht genug ankämpfen kann.

Warum war ich nicht überrascht?

Mich wundert keine einzige dieser nun ans Licht kommenden Missbrauchs-Geschichten. Warum nicht? Vielleicht, weil ich ein Mann bin? Vielleicht, weil ich selbst mir viel zu hohe Regeln über sexuelle Reinheit abverlangt habe? Vielleicht, weil ich selbst an meine Grenzen gekommen bin?

Was geschieht denn psychologisch gesehen, wenn jemand an seine Grenzen kommt? Er wird entweder aggresiv oder depressiv. Ich hatte eher die Depri-Schiene eingeschlagen. Was aber mit den Männern, die eher aggressiv veranlagt sind?

Wenn sich momentan alle in der römisch-katholischen Kirche empören, ist das für mich ein wenig so, als ob ich meine Katze mit meinem Meerschweinchen alleinlasse und mich dann darüber wundere, dass sie es gefressen hat. "Sie war doch immer so brav, wenn ich dabei war..." Man lässt aber eben keine Katze mit einem Meerschweinchen allein.

Aber was hat das nun mit Männern zu tun. Ein Mann ist ein sexuelles Wesen. Wir Männer mögen stark sein, haben aber einen großen Schwachpunkt: unsere Sexualität. Eine leicht bekleidete Frau auf einem Plakat und schon sind wir woanders. Die Werbung weiß genau, wie sie uns damit fangen kann.

Und in diese Welt setzt die römisch-katholische Kirche nun Priester, die nicht heiraten dürfen. Wenn diese Menschen einigermaßen ähnlich wie ich (ich verzichte bewusst auf das Attribut "normal") verdrahtet sind, müssen sie doch verrückt werden, bei diesen moralischen Anforderungen. Jeder Mann weiß, was passiert, wenn eine Frau einen herausfordert oder mit einem spielt. Jeder Mann weiß auch, dass schon ein Werbeplakat, eine Werbeanzeige oder sonstwas ausreichen kann, um einen in Stimmung zu versetzen.

Das, was auf der einen Seite für Männer mit einem einigermaßen entspannten Sexualleben schön ist, kann für einen Mann mit einem nicht-stattfindenden Sexualleben zu einer Qual werden. Zu einer Marter. Wie das Fass über dem Kopf, aus dem stetig alle paar Sekunden ein Wassertropfen auf die gleiche Stelle tropft, bis es nicht mehr auszuhalten ist. Und dann? Dann wird dieser Mann entweder depressiv in sich zusammenbrechen, oder er wird aggressiv. Meine persönliche Diagnose: genau dies ist in der römisch-katholischen Kirche passiert.

Wer Kinder missbraucht, kann auf kein Verständnis hoffen

Was ich bisher geschrieben habe, mag den Eindruck erwecken, als ob ich irgendeinen Kinderschänder in Schutz nehmen möchte. Das möchte ich sicher nicht. Aber es überrascht mich nicht in geringsten, dass in einer Glaubensrichtung, die Sexualität verbieten möchte, Missbrauch stattfindet.

Ich selbst war nun nicht Pastor, aber auch ich hatte einen Jugendkreis geleitet. Und als 1993 mit meiner Freundin Schluss war und eine süße 17jährige Steffi an meiner Tür klingelte, sich auf das Bett legte, das Licht dimmte, Kuschelrock auflegte und sagte: "Weißt du, Nicole hab ich eh nie gemocht" musste ich mir auch überlegen, wie ich nun reagieren will.

Selbstverständlich passierte damals nichts. Auch nicht bei späteren Besuchen. Aber viele Männer werden mir Recht geben, dass man sowas nicht ewig durchhalten kann. Irgendwann kippt die Stimmung. Und das, was irgendwie noch ein wenig lustig ist - wie diese Stefanie - wird feindlich. Irgendwann stellt man fest, dass das Leben weitergeht. Und irgendwann stellt man fest, dass man - je älter man wird - die Sünden bereut, die man nicht begangen hat. Vor allem dann, wenn einem eine bestimmte Lebensweise untersagt bleibt.

Ich habe kein Verständnis für Kinderschänder. Aber ich kann verstehen, wie es dazu kommt. Ein Mann, dem ständig attraktive Frauen über den Weg laufen oder der sie im Internet oder auf Plakaten ansehen muss (kann), wird irgendwann ein Problem kriegen, wenn ihm ein "normales" sexuelles Leben verwehrt bleibt - auch und gerade, wenn er dies nach eigener Entscheidung tut. Denn als Mann steht man ja nicht immer sexuell unter Druck. Man definiert sich, während man verstandesmäßig gesteuert ist und trifft moralische Weichenstellungen. Mit diesen Weichenstellungen muss man dann aber eben auch leben, wenn einen seine Sexualität irgendwann wieder einholt.

Wenn ich in mein Leben schaue, in meine eigene Sexualität, verstehe ich, dass es Männer gibt, die dann irgendwann durchdrehen und Dinge tun, die man sich nicht vorstellen will.

Die römisch-katholische Kirche täte gut daran, ihre außerordentlich konservative Ansicht zur Sexualität zu überprüfen.

Wie ist es mit Ihnen?

Nun interessiert mich bei Jesus-Offline die römisch-katholische Kirche herzlich wenig. Sie dient mir hier nur als schlechtes Beispiel. Aber wie ist es denn mit Ihnen und Ihrer Sexualität? Finden Sie sich hier wieder? Auch wenn Sie nicht der katholischen Kirche angehören, können Sie aus diesem Abschnitt etwas lernen, das auch ich lernen musste: unterschätzen Sie nicht die Wirkung Ihrer eigenen Sexualität.

Für mich bestand niemals die Gefahr, irgendetwas unrechtes zu tun. Aber ich muss heute bekennen, dass ich über diesem Thema depressiv wurde. Damals hätte ich mir das nicht eingestanden und habe alles überspielt. Heute weiß ich: ich habe mich damals für meine moralischen Werte aufgerieben, bis ich fast auf dem Zahnfleisch gegangen bin. Mir tut heute jeder leid, dem es genauso geht.

Denn sind wir ehrlich: man hat sich schnell zu irgendetwas verpflichtet. Wir Männer haben Zeiten, in denen wir rein verstandesmäßig gesteuert sind. In diesen Zeiten können wir hochgeistliche Entscheidungen treffen und diese auch wirklich so meinen. Tatsache ist aber auch, dass wir sexuelle Wesen sind. Und diese Sexualität wird von Zeit zu Zeit unseren Verstand ablösen und teilweise übernehmen. Ich habe in mehreren meiner Tagebücher geschrieben, dass ich mich manchmal fühlte, wie von einem bösen Geist getrieben. Das ist natürlich Unsinn.

Der einzig richige Weg ist in meinen Augen, mit seiner Sexualität Frieden zu schließen und sie als Teil seiner selbst zu akzeptieren. Das ist schwierig, wenn im Prinzip fast jeder sexuelle Gedanke "verboten" ist. Ich könnte mir vorstellen, dass einige dieser katholischen Oberen sich eines Tages ernsthaft dazu verpflichten wollten, ein keusches Leben zu führen. In meinen Augen sind sie an der Realität und ihrer eigenen Sexualität zerschellt.

Zwei Grundbedürfnisse: Sex und Essen

Ich habe im Lauf meines Glaubenslebens eine Vergleichbarkeit zwischen Sex und Essen festgestellt. Haben Sie schon einmal satt und vollgefressen die Entscheidung getroffen, nun endlich weniger zu Essen und auf Süßigkeiten zu verzichten? Ich hab das :-) Diese Entscheidung war auch absolut ehrlich und es bestand für mich auch niemals ein Zweifel daran, sie ehrlich gemeint zu haben. Die Realität wird mich aber nur wenige Stunden später wieder einholen. Und neben meinem "Verstand" wird dann noch eine weitere Stimme auftauchen, die immer lauter zwitschern wird: "Pommes, Steak, Schokolade, Chips...":

Haben Sie schon einmal zuviel gegessen aus Frust darüber, dass Sie Ihre eigenen aufgestellten Essensvorschriften nicht halten konnten? Auch das habe ich getan. Wie krank ist das eigentlich? Man stellt selbst eine Anforderung an sich auf. Dann kann man sie nicht halten. Und aus Frust darüber, verstößt man dann richtig dagegen und frisst sich quasi zum Trost mit Schokolade voll? Ja, lachen Sie, wenn Sie möchten. Ich kenne sowas aus meinem Leben. Und genau dieses Wechselspiel zwischen gut gemeinten und vernünftig klingenden Werten, Überforderung, Frustration, Depression und Rebellion konnte ich bei mir beobachten. Ich hab lange gebraucht, um dies zu durchschauen, weil man sich soetwas nicht eingestehen will. Und ich bin fest davon überzeugt, dass genau hier das Geheimnis liegt, zwischen vernünftig klingenden sexuellen Vorschriften, der Realität, dass diese Vorschriften - zumindest für Einzelne - nicht haltbar sind und den Folgen Überforderung, Frustration, Depression, Aggression und Rebellion.

Was wir gerade in der römisch-katholischen Kirche erleben zeigt uns nicht den Fall einzelner. Nein, im großen Rahmen sind Menschen gefallen und haben unfassbare Dinge getan.

Welche Werte mögen diese Menschen einmal vertreten haben, als sie sich zu diesem Leben verpflichteten? Sind es schlechte Leute? Rechtlich gesehen schon. Menschlich gesehen frage ich mich, ob es sich nicht eher um ganz arme Schweine handelt. Sie wurden zunächst frustriert, dann verbittert, dann aggressiv. Dann taten sie Dinge, die man sich nicht vorstellen will. Und warum? In meinen Augen wegen moralischer sexueller Werte, die maximal für einige wenige Menschen haltbar sind - auf keinen Fall für alle.

Wenn Sie feststellen, dass sich Ihre Sexualität langsam gegen Sie richtet, ziehen Sie die Notbremse und beginnen Sie ein "normales" Leben. Auf dieser Webseite finden Sie genügend Gründe, warum es keinen Sinn macht, für diesen Bibel-Gott Dinge aufzugeben, die man als Mann nicht aufgeben sollte.